Nehmt euch Zeit fürs Kranksein!

Büro und Schule können warten. Unsere Autorin findet, Eltern und Kinder sollten am ersten Tag nach der Gesundung zu Hause bleiben.

Das Büro, die Pendenzen, die Termine, die Schule, der verpasste Stoff! Wir können doch nicht tagelang zu Hause bleiben. (Sollten wir aber.) Foto: iStock

Wie gut, hat mir damals, als mein Kinderwunsch aufkeimte, keiner gesagt, dass ich für die nächsten Jahre keine Krankheit mehr richtig werde auskurieren können. Dass ich dank inflationär umherschwirrenden Kinderviren zwar bedeutend häufiger krank sein, mir die Genesung davon aber so was von an den Mutter-Hut stecken werden könne. Und dass man, wenn man fiebrig und schwach wie ein feuchter Lappen ebenso kranke Kinder zu versorgen hat, eine Härte erfährt, gegen die eine militärische Überlebenswoche ein romantisches Kuschelcamp ist. Bloss, dass man im Militär für vollbrachte Heldentaten Orden an die Uniform gehängt bekommt, während am mütterlichen Pyjama höchstens der Rotz der angeschlagenen Brut baumelt.

Klar, zu Singlezeiten war Kranksein auch mühsam gewesen, bot aber immerhin die Möglichkeit, sich gesund zu schlafen und sich am dritten Tag unsäglich dumme Sendungen am TV reinzuziehen. Doch wer Kinder hat, weiss, dass solch idyllische Selbstfürsorge nichts, aber auch gar nichts mit zeitgleichem Kranksein von Eltern und Kindern zu tun hat.

Ein fieser Virus nach dem anderen

Drei lange Wochen wurde unsere Familie gerade von einem fiesen Virus nach dem andern gejagt. Jeder von ihnen legte uns und unser fein austariertes System aufs Neue lahm. Erst kotzte sich der Grosse tagelang die Seele aus dem Leib, dann hatte die Kleine hohes Fieber, und gerade als sie ENDLICH wieder in die Schule gehen konnte, begann ihr Bruder von neuem zu erbrechen, und die Kleine klagte über Halsschmerzen. Und ich – ganz im Fluss meiner mütterlichen Empathie – liess mich von jedem ihrer Käfer mitreissen, was den allereinzigen Vorteil mit sich brachte, dass ich jeden Moment inbrünstig, wenn auch mit verdächtig zittriger Stimme sagen konnte: «Ich weiss genau, wie du dich fühlst, mein Schatz!»

Gar nicht so gemütlich: Manchmal erwischts die ganze Familie.

Der absolute Nullpunkt war bei mir erreicht, als ich dem Jungkind für die Nacht ein fiebersenkendes Mittel verabreicht hatte, damit wir alle wenigstens mal ein paar Stunden schlafen konnten. Dieser Plan ging tatsächlich auf, rächte sich aber am nächsten Morgen haushoch. Ich kann dazu nur eines sagen: Eine chemisch aufgetätschte Siebenjährige und eine fiebrige Endvierzigerin an ihrem energetischen Tiefpunkt sind eine sehr, sehr schlechte Kombination.

Eine Woche dauere eine Magen-Darm-Grippe, bis sie richtig auskuriert sei, habe ich gelesen. Aber wir können ja UNMÖGLICH eine GANZE Woche zu Hause bleiben. Das Büro! Die Pendenzen! Die Termine! Die Schule! Der verpasste Stoff! Dennoch führt kein Weg daran vorbei: Das Kind geht in die Schule, sobald das Fieber weg ist. Und man selbst hechtet dann sofort ins Büro, statt endlich ins Bett, weil man schon so viele Absenzen durch die Krankheiten der Kinder hat und unmöglich noch welche für sich selbst beanspruchen kann. Dasselbe gilt natürlich für den Mann.

Vergesst den Tag danach nicht!

Und damit übergeht man die letzte, äusserst wichtige Phase einer jeden Krankheit: die Rekonvaleszenz. Also jene Zeitspanne, in der der Körper zwar keine Symptome mehr zeigt, aber noch geschwächt ist und das Immunsystem noch ein bis zwei Tage Stillstand bräuchte, um danach wieder voller Tatendrang niederträchtige Eindringlinge runterballern zu können. Doch da wir uns solche, nicht offensichtlich notwendige, leistungsfreie Tage nicht gönnen, kann jede neue feindliche Virenmannschaft ungehindert Einzug in das geschwächte Gebiet halten, wo auch schon paarungsfreudig auf sie gewartet wird und der ganze Spass von vorne beginnt.

Darum, liebe kranke Eltern und Kinder da draussen: Vergesst den Tag danach nicht. Ich ahne, dass er Nachhaltigkeit und, langfristig gesehen, bedeutend weniger verpasste Arbeits- und Schulstunden mit sich bringt. Solltet ihr also gerade krank sein und denken: «Morgen gehts dann schon wieder!», bloss weil kein Kopf mehr über der Schüssel hängt: Seid klüger als ich! Hängt noch einen Tag an. Vielleicht kommt ihr dann sogar in den Genuss von unsäglich dummen TV Sendungen.