Schulzuteilung per Algorithmus?

Mehr soziale Durchmischung in Primarschulen wäre wünschenswert. Aber in der Praxis hat die Sache ein paar Haken.

Ob eine Schule 20 oder 80 Prozent Ausländeranteil aufweist, wirkt sich auf das Leistungsniveau aus. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Als ich in die erste Klasse kam, war die Sache mit der Zuteilung ziemlich simpel. Ich wuchs in einem Dorf auf, und es war von vornherein klar, in welchem Schulhaus ich landen würde, denn es gab nur eines. Die einzige Frage war also, auf welche Lehrperson ich treffen würde.

Heute wohne ich mit meinen Kindern in einem grösseren Ort mit mehreren Kindergärten und zwei Schulhäusern in der näheren Umgebung. Alle sind von der Distanz her gut machbar. Doch während man den einen Kindergarten nach einem Spaziergang durchs Quartier erreicht, gelangt man nur über einen steilen Waldweg zum anderen. Grund genug, dass die Eltern aus unserer Nachbarschaft sehr erpicht darauf sind, dass ihre Kinder im erstgenannten Chindsgi landen. Auch ich habe bei Tochter und Sohn jeweils vor dem Kindergartenstart ein Gesuch an die Schulleitung geschrieben und wurde glücklicherweise erhört.

Die Mischung machts

Künftig könnte das ganz anders ablaufen. Wie die «SonntagsZeitung» berichtete, arbeitet ein der Universität Zürich angeschlossenes Forschungszentrum zurzeit daran, einen Algorithmus zu programmieren, der die Kinder den Schulhäusern zuteilt. Der Grund: Besonders in grossen Städten wie Zürich sind die Schulklassen sozial schlecht durchmischt. Am Zürichberg etwa machen fremdsprachige Kinder und solche aus bildungsfernen Familien weniger als 20 Prozent der Schüler aus. In anderen Quartieren hingegen finden sich 75 Prozent Fremdsprachige pro Klasse. «Das ist problematisch, weil sich die soziale Zusammensetzung von Schulen nachweislich auf die Leistungen der Schüler auswirkt», sagt Projektleiter Oliver Dlabac gegenüber der «SonntagsZeitung».

Nun kann man die Kinder natürlich nicht jeden Tag quer durch die Stadt jagen, bloss um die Klassen besser zu mischen. Es braucht also ein ausgeklügeltes System, damit einerseits eine gute Durchmischung stattfindet, andererseits aber auch die Schulwege in einem zumutbaren Rahmen bleiben. Der Algorithmus wurde deshalb nicht nur mit Volkszählungsdaten gefüttert, sondern auch mit Infos zur Verkehrsbelastung, zum Trottoirnetz, zu Unterführungen und Fusswegen. So soll die optimale Verteilung der Kinder berechnet werden.

Jedes Kind soll die gleiche Chance bekommen

Die Grundidee gefällt mir. Denn jedes Kind sollte in der öffentlichen Schule dieselben Chancen bekommen, und wenn eine bessere soziale Durchmischung dazu beiträgt, ist eine solche auf jeden Fall anzustreben. Ausserdem tut es Kindern meiner Meinung nach sowieso gut, mit unterschiedlichsten Menschen aufzuwachsen und so Fremdem gegenüber offenzubleiben.

Und doch bleibt da ein Aber. Denn wenn nur noch aufgrund von Daten entschieden wird, kann auch ganz viel kaputtgehen. Ein Kind verliert vielleicht seine ganze schulische Motivation, wenn es als Einziges aus dem Freundeskreis ins weiter entfernte Schulhaus zugeteilt wird. Eine Familie ist plötzlich mit neuen Herausforderungen konfrontiert, wenn die Kinder zum Wohl der Durchmischung in verschiedene Schulhäuser und folglich auch unterschiedliche Horte eingeteilt und am Abend an diversen Orten eingesammelt werden müssen. Und bloss weil ein Kind auf dem Papier gut ins Schulhaus im Nachbarsquartier passen würde, ist es vielleicht aufgrund seiner Persönlichkeit überhaupt nicht dafür gemacht, jeden Morgen diesen Weg auf sich zu nehmen.

Gesunden Menschenverstand miteinbeziehen

Wenn man tatsächlich mit dem Algorithmus zu arbeiten beginnt, wäre es meiner Meinung nach deshalb wichtig, den Menschen immer noch mitreden zu lassen. Also Einschätzungen von bisherigen Lehrpersonen miteinzubeziehen und berechtigte Anliegen der Eltern nicht mit Zahlen und Formeln abzuschmettern.

Wie sehen Sie das?

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