Mir doch egal!

Vom Klima bis zur Berufswahl: Wie wir uns permanent selbst täuschen, um die Wirklichkeit aufzuhübschen.

Change the system? – Ja, aber jetzt grad nicht. Foto: Getty Images

Es war Freitag. «Fridays for Future»-Freitag. Und meine Tochter feierte ihren 12. Geburtstag. Wie üblich hatte sie für den Marsch gemeinsam mit Freundinnen Protestmaterial gebastelt: einen Doppelhalter, der die Aufschrift «SOS Zukunft» trug, und Fahnen, fabriziert aus alten Leintüchern, die «There is no Planet B» propagierten oder «Kurzstreckenflüge nur für Insekten!».

Es erfüllte mich mit einem gewissen Stolz, mein Mädchen bei seinem engagierten Aktivismus zu beobachten. Es schien meiner Tochter nicht egal zu sein, dass unsere Gletscher wegschmelzen, der Amazonas in Flammen steht, bald mehr Plastik im Meer schwimmt als Fische, SUV die Strassen unserer Stadt verstopfen oder Tiere in Massen gehalten werden, nur weil das profitabler ist. Das gefiel mir. Und wie schon bei den vorangehenden Protestmärschen, zu denen ich sie jeweils begleitet hatte, lief mir ein kalter Schauer über den Rücken und meine Augen füllten sich auf Anhieb mit Tränen, als die ersten Kinderstimmen den Schlachtruf «Wem sini Zukunft? Oisi Zukunft!» anstimmten.

«Mami, heute ist doch ein besonderer Tag»

Im Laufe des Marsches beschlich mich jedoch auch ein gewisses Unbehagen, und ich fragte mich, wie ehrlich wir hier Anwesenden eigentlich mit uns selbst ins Gericht gehen. Wenn die Protestler etwa ihre Handys zückten und Selfies von sich und ihren kreativen Plakaten machten, schien es ihnen grad komplett egal zu sein, woher der Kobalt in ihren glattpolierten Smartphones stammt; mit grosser Wahrscheinlichkeit aus den Händen von Kindern, geschürft in dunklen kongolesischen Minen. Change the system? – Jetzt grad nicht.

Auch schien es meiner Tochter so ziemlich egal zu sein, als ich ihr am Ende des Protestmarsches erklärte, dass ich es doch recht fragwürdig fände, wenn wir den Abend jetzt, wie von ihr gewünscht, im Sushi-Restaurant verbringen würden. Überfischung der Weltmeere? Bedrohter Thunfisch? Riesenschleppnetze, in denen auch Delfine, Schildkröten und Seevögel verrecken? – «Mami, heute ist doch ein besonderer Tag – und schliesslich sind wir doch im Frühling mit dem Zug in die Ferien gefahren.» Na, dann. Also gut. Ausnahmsweise. Manchmal entscheiden wir uns ganz bewusst für die Ignoranz und verdrängen etwas Unangenehmes, einfach nur um Platz zu schaffen für etwas Angenehmes.

Wie ich meinen Kindern fragwürdige Wertvorstellungen unterjuble

Dass Wunsch und Wirklichkeit öfter mal auseinanderklaffen, ist mir natürlich nicht neu. Psychologen nennen dieses Phänomen kognitive Dissonanz. Wir alle kennen es. Wenn wir beispielsweise auf unseren Instagram-Accounts die inszenierte Familienidylle posten, obwohl die Wanderung mit den Kindern in Tat und Wahrheit ein Marsch durch ein nicht enden wollendes Jammertal war. Oder wenn wir uns zum Jahresende vornehmen, ab sofort mit Yogaübungen in jeden neuen Tag zu starten, um endlich gelassener und ausgeglichener zu werden – wohlwissend, dass dieser Vorsatz schon am zweiten Tag wieder Makulatur sein wird. Ist ja auch nicht weiter tragisch. Wen juckts?

Brenzliger allerdings wirds, wenn es um grundsätzliche Wertvorstellungen geht. Wie im vergangenen Jahr, als die schulische und berufliche Zukunft meines Ältesten auf dem Plan stand. Eigentlich hätte ich ihm zurufen wollen: «Hey, geh raus und entdecke die Welt!» Oder: «Tu, was DICH glücklich macht!» So sähe ich mich gerne als Mutter; aufgeschlossen, optimistisch, entspannt. Stattdessen hörte ich mich Dinge sagen, wie: «Wenn du in dieser Welt nicht untergehen möchtest, sieh zu, dass du deinen Hintern hochkriegst und gute Noten schreibst!» oder: «Von nichts kommt nichts!»

War es die pure Panik, die mich da ritt? Die Angst, er könnte auf der Verliererseite der Gesellschaft landen; in einem Job, der ihm weder Spass noch finanzielle Sicherheiten bietet? Wo war mein Grundvertrauen hin? Mein Glaube an ihn und, ja, auch in all das, was wir ihm als Eltern mitgegeben haben? Wie kann man über Nacht von einer überzeugten Systemkritikerin zu einer verängstigten Leistungsgesellschaftsverfechterin mutieren – und tags darauf wieder zurück? Und wie, um Himmels willen, sollen einen die eigenen Kinder da als «Erziehungsberechtigte» überhaupt noch ernst nehmen?