Verloren im Erziehungsdschungel

Nie gab es so viele Elternratgeber wie heute. Und doch bleibt die Unsicherheit, das Falsche zu tun. Strengen wir uns einfach zu sehr an?

Was würde Remo Largo dazu sagen? Wer sein Verhalten ständig hinterfragt, dem dreht sich bald der Kopf. Foto: Getty Images

Es war nach einem Streit: Der Kleine hatte die Grosse beim Essen gestört. Sie reagierte grob und kniff ihn in den Arm. Die Nerven waren eh dünn, auch meine, denn die Stimmung war schon den ganzen Tag über angespannt gewesen. Und als der Kleine nun losbrüllte, wurde auch ich laut und wusste nichts Besseres, als der Grossen ein Handyverbot zu verpassen. Eine innere Stimme rief mir noch zu: «Das ist doch keine logische Konsequenz!» (Wie oft hatte ich gehört, dass Strafen mit dem unerwünschten Verhalten zu tun haben sollen?) Aber herrje … um geduldig über den Vorfall zu reden, war ich viel zu sauer.

Nun ist es ja nicht so, dass unsere Kinder sich zum ersten Mal gestritten hätten. Auch mein Lautwerden, ich gebs zu, war keine Premiere. Neu allerdings war an jenem Abend, dass wir es nicht schafften, die Stimmung bis zur Schlafenszeit wieder auf ein temperiertes Niveau zu hieven: Die Grosse hatte sich Türen knallend zurückgezogen, auch die anderen Kinder wirkten geknickt, und bei uns Eltern breitete sich Ratlosigkeit aus.

Irrlichtern oder erziehen?

Lange lag ich wach im Bett, während düstere Gedanken sich durch mein müdes Hirn bewegten und ich mich fragte: Wo sind wir heute falsch abgezweigt? Bald wurde es grundsätzlich, und schon jagte in meinem Kopf ein Erziehungsschlagwort das nächste: Müssten wir mehr Grenzen setzen? Oder pflegen wir den Dialog zu wenig? Sollten wir den Kindern mehr vertrauen, sie machen lassen oder doch konsequenter sein? Wäre in manchen Situationen ein Time-out sinnvoll? Oder brauchte es doch eher eine simple Umarmung? Vielleicht müssten wir mehr auf den Bauch hören? Doch tun wir nicht genau das, wenn wir impulsiv Handyentzüge anordnen? Nun, immerhin erziehen wir dann authentisch, was auch nicht falsch sein soll, letztlich jedoch ebenfalls ein Schlagwort bleibt.

Können Sie noch folgen? Ich auch nicht. Programmierte man aus den Inputs, die ich in gut 12 Jahren Mutterschaft bisher zum Thema Erziehung erhalten habe – von Ratgebern, Verwandten, Medienberichten, Freunden – eine Begriffswolke, würde sie den Bildschirm sprengen. In dieser Nacht fühlte es sich an, als sprenge sie meinen Kopf. Unser Elternalltag kam mir plötzlich vor wie ein blosses Irrlichtern in einem Dschungel aus pädagogischen Ideen. Aus verschiedenen Konzepten, die einzeln und in Theorie sinnvoll und einfach anmuten, denen strikt zu folgen sich aber in der Praxis oft als schwierig erweist (oder uns situativ auch mal widerstrebt), weil sie nicht immer passen – zu uns, zu unseren Kindern, zur Situation, zur Realität, zum Leben.

Mehr Gelassenheit …

Ja, nächtliche Gedanken sind gern dunkel. Dennoch – man mag es Selbstschutz nennen, Optimismus oder Fatalismus – wunderte ich mich irgendwann auch, ob wir das, was wir unter Erziehung verstehen, nicht hie und da zu wichtig nehmen, uns zu sehr anstrengen. Dazu fiel mir ein Satz ein aus einem Interview mit Jesper Juul, der stets für mehr Gelassenheit plädiert hatte: «Das Allermeiste, was wir unter Erziehung verstehen, erzieht in der Tat kaum.» Es sei nicht Folge der Erziehung, wird ausgeführt, wie sich unsere Kinder als 20-Jährige verhalten, sondern unseres familiären Zusammenlebens. Und: Man könne sich auch vornehmen, seine Kinder einfach zu geniessen.

Nun ja, geniessen? Angesichts des Streits, der mir noch in den Ohren hallte: schwierig. Und trotzdem, mit Abstand betrachtet, auch irgendwie einfach, würde eine solche Haltung doch nicht nur uns Eltern, sondern auch viele Alltagssituationen entspannen. Wenn wir bei unseren Kindern nicht vor allem die Dinge fokussieren, die (noch) nicht gut laufen, sondern mehr jene, die wunderbar sind.

… und keine Torschlusspanik

Zumal sich das Zeitfenster für Erziehung im eigentlichen Sinn irgendwann schliesst. Bei unserer Grossen in etwa jetzt. Denn: Ab zwölf, so Juul, und ähnlich Remo Largo, sei es zu spät. Vielleicht waren meine nächtlichen Gefühle also auch Ausdruck einer erzieherischen Verunsicherung, die Largo und Monika Czernin im Buch «Jugendjahre» für die Pubertät beschreiben: Wenn alles plötzlich anders wird und Eltern umdenken müssen. In eine pädagogische Torschlusspanik – in anderen Worten wohl: in wilde Handyverbotstiraden – zu verfallen: zwecklos. Es geht nun vermehrt um Augenhöhe und um die Beziehung, die in den vergangenen Jahren zum Kind aufgebaut wurde.

Wird diese sich bei uns als tragfähig erweisen? Haben wir unseren «Job» bis hierher einigermassen hingekriegt? Wir können nur hoffen, dass wir zumindest nicht überall falsch gelegen sind. (Doch eben, was ist schon falsch und was richtig?) Mit diesen Gedanken und dem juulschen Rat zu mehr Genuss im Kopf schlief ich ein – und setzte darauf, dass der nächste Tag ein besserer werde.

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