Und dann fand ich sein Haschisch

Wut aufs System: Eine Mutter erzählt, was in ihr abging, als sie herausfand, dass ihr Teeniesohn kifft.

Weit verbreitet: 29 Prozent der 15-jährigen Jungs haben hierzulande schon einmal Cannabis konsumiert. Foto: iStock

Bevor ich euch die Geschichte vom gefundenen Klumpen Hasch unseres Teenagersohnes erzähle, möchte ich eines vorwegnehmen: Ich rauche selber gelegentlich Marihuana. Als über vierzigjährige Akademikerin, Mutter von drei Kindern und gut verdienende Geschäftsfrau passe ich nicht gerade ins gängige Gesellschaftsbild von Hanfkonsumierenden. Schliesslich sind Kiffer jung, haben fettige Haare, liegen tagelang nur auf dem Sofa, sind unzuverlässig, träge und in grosser Anzahl männlich.

Tja, da muss ich euch also enttäuschen. Auch ich war lange Zeit der Ansicht, dass Kiffen ins Gestern gehört. In eine Prä-Erwachsenenzeit also. In die Studentenjahre. In ein Leben, das geprägt war von Partys in besetzten Häusern, Nächten in WG-Küchen, wo man stundenlang über das kapitalistische System herzog und zu den Beastie Boys durchs Wohnzimmer tanzte. In eine Zeit also, in der Verantwortung noch keine grosse Rolle spielte. Dafür aber Leichtigkeit und Gelassenheit. Und diese Gefühle hole ich mir nun seit ein paar Jahren gelegentlich, wenn ich am Abend im Garten sitze, wieder rein und rauche einen Joint. Was also für die einen ein Glas Rotwein sein mag, joggen im Wald oder strampeln im Fitnesscenter, musizieren oder stricken, ist bei mir eben kiffen. Und ja, ich habe durchaus auch noch andere Hobbys – keine Bange.

Angemessen mit dem Thema umgehen

Da ich generell kein Fan von Versteckspielen und Tabus bin, habe ich mir es nicht nehmen lassen, mit meinen Kindern offen übers Kiffen zu sprechen. Natürlich immer in Anbetracht ihrer jeweiligen Altersstufe. Ich weise sie also darauf hin, dass es darauf ankommt, Mass zu halten. Denn der Opa, der zum Abendessen gerne ein Bier trinkt, hat ja auch nichts mit den Obdachlosen am Bahnhof gemeinsam, die sich literweise billigen Schnaps hinter die Binde kippen. Da gibt es durchaus Unterschiede. Und ich versuche ihnen klarzumachen, dass es auch altersmässig ein paar wesentliche Punkte zu beachten gilt: So zitiere ich etwa aus Studien, die besagen, dass sich der Cannabiskonsum bei jungen Menschen unter 25 Jahren problematisch auf ihre Gehirnentwicklung auswirkt. Dass Kiffen gar zu einem Trigger für Psychosen bei manchen Teenagern werden kann. Denn ja: Cannabis birgt Gefahren, daran gibt es nichts zu beschönigen.

Und dann fand ich den Klumpen Hasch unseres Teenagersohnes in der Waschküche. Ich wusste natürlich, dass dieser Moment irgendwann mal kommen würde. Denn auch hier sprechen die statistischen Zahlen für sich: Laut Daten einer internationalen Schülerbefragung «Health Behavior in School-aged Children» (HBSC) haben 29 Prozent der 15-jährigen Jungs und 19 Prozent der 15-jährigen Mädchen hierzulande schon einmal Cannabis konsumiert. Dass unsere Jugendlichen – übrigens unabhängig davon, ob sie ein ländliches Elitegymnasium oder eine Sekundarschule in der Agglo besuchen – früher oder später mit der illegalen Substanz in Berührung kommen, ist also praktisch garantiert.

Lichtblick am Legalisierungshimmel

Dennoch verspürte ich in diesem Moment in der Waschküche eine Riesenwut im Bauch. Wütend war ich selbstverständlich auf meinen Teeniesohn, der meine mütterlichen Ratschläge, allen voran das Argument «Du bist zu jung, basta!» nicht ernst genommen hatte. Viel wütender machte mich hingegen die Tatsache, dass es unsere Gesellschaft nach wie vor nicht auf die Reihe kriegt, einen rationalen Umgang mit der Substanz zu finden und Regulierungen zu schaffen, die nicht nur darauf abzielen, Menschen zu kriminalisieren. Warum ist es nicht möglich, für Cannabiskonsumenten eine gesetzliche Altersgrenze festzulegen? 16 oder 18 Jahre – das sollen Experten entscheiden. Aber klar, wir können natürlich weiterhin darauf setzen, dass junge Menschen sich im Dunstkreis von zwielichtigen Dealern bewegen, die in der einen Hosentasche abartig hochpotenziertes Cannabis anbieten – und in der anderen vielleicht Kokain. Das nennen wir dann verantwortungsbewusst.

Immerhin, es gibt einen Lichtblick am Horizont: So scheinen gemäss aktuellen Wahlumfragen die bürgerlichen Parteien derzeit von ihrer Nulltolleranzhaltung gegenüber Cannabis abzurücken. Vor allem die FDP- und BDP-Kandidaten sprechen sich neuerdings klar für eine Legalisierung von Marihuana aus. Selbst bei der CVP ist in dieser Frage Bewegung auszumachen.

Die Autorin lebt mit ihrem Mann und drei Kindern in Zürich. Sie schreibt anonym.