Unperfekter Familienhaushalt? Perfekt!

Warum gut genug vollkommen reicht – und welche Eigenschaften sich Kinder von einem Mami wünschen.

Spielen statt bügeln: Denn viel zu oft bleibt uns keine Zeit für die richtig wichtigen Dinge. Foto: iStock

Ich bin die perfekte Mutter! Glauben Sie nicht? Ich auch nicht. Meine Kinder aber sind davon überzeugt – und das ist eigentlich die Hauptsache. Daran sollten wir immer wieder festhalten.

Ich sehe mich selbst als eine kreative Perfektionistin: Ich mache, was zu tun ist. Unermüdlich, proaktiv, engagiert und manchmal etwas überdiszipliniert. Und das zeigt bereits, wie viele Facetten die Perfektion mit sich bringt und wie individuell sie sein kann. 

Woher aber kommt dieses Verlangen nach Perfektionismus überhaupt und warum wollen wir immer noch mehr, noch schneller und noch besser? Jeder Mensch strebt von Natur aus nach Erfolg und Anerkennung. Das ist zum einen überlebenswichtig, zum anderen füttern wir damit unser Ego. Unsere ersten Ziele stecken wir uns unbewusst, bereits kurz nach der Geburt. Und irgendwann können wir uns fortbewegen, schneller springen, höher klettern und werden vielleicht zur besten Athletin der Klasse. Bilanz: Wir erhalten Respekt, Lob und gewinnen neue Freunde. Das süsse Gefühl, für seine Leistungen bewundert zu werden, kann süchtig machen, und darum wollen wir es immer wieder erleben.

Bye-bye, Perfektion!

Aber zurück zum «Muttersein». Die Funktion einer Mutter hat in den vergangenen fünfzig Jahren viele Aufgabenbereiche dazugewonnen – so viele wie wohl keine andere Stellenbeschreibung. Plötzlich führen wir nebst der Erziehung der Kinder und dem Haushalt auch noch Projekte oder ganze Teams, verdienen Geld, begleiten und unterstützen die Kinder an wichtige Sport- und Freizeitanlässe, betreiben mehrere Hobbys und einen hippen Lifestyle, den es zu managen gilt. Dass wir mit unseren Smartphones immer erreichbar und überall aktiv sind, trägt auch nicht gerade zu einem entspannten Alltag bei. Schnell wird klar, dass uns bei gleicher Stundenzahl pro Tag weniger Zeit für die einzelnen Aufgabenbereiche bleibt und wir infolgedessen entweder dreimal so schnell sein oder uns von unserer Perfektion verabschieden müssen. 

Gefährlich wird es dann, wenn die bestrebten Perfektionisten in allen Bereichen ganz oben mit dabei sein wollen. Für diese Menschen gibt es zwei Stolpersteine: Zum einen fällt es ihnen schwer, sich Hilfe zu holen oder um Hilfe zu bitten. Zum anderen ist es für sie nicht leicht, die eigenen Ansprüche runterzuschrauben. Und das, liebe Perfektions-Mamas und -Papas, müssen wir dringend lernen! Es ist an uns, Grenzen zu ziehen und nicht überall in der Top League mitspielen zu wollen. Wir selbst müssen unsere Ansprüche reflektieren und an einem gesunden Selbstwertgefühl arbeiten, statt permanent die Grenzen zu überschreiten und ans Limit zu gehen.

Priorisieren heisst das Zauberwort

Auch ich muss mich immer wieder an der eigenen Nase nehmen und meine mich stets antreibende Disziplin und meinen Gewinnerinstinkt zügeln und stattdessen einfach mal durchatmen. Die Küche nur zu 90 Prozent aufräumen und die Wäsche ruhig mal Wäsche sein lassen. Mit unserem perfekt getrimmten Garten gewinnen wir mit hoher Wahrscheinlichkeit ohnehin keinen Vorstadtwettbewerb. Stattdessen sollten wir lieber mit den Kindern zusammen Tomaten pflanzen, die schönen Blumen geniessen und die Beeren ernten.

Priorisieren heisst das Zauberwort. Bei der Erziehung der Kinder sollten keine Abstriche gemacht werden, im Beruf sind wir ebenfalls verpflichtet, 100 Prozent zu geben. Doch ob die Wohnung nun täglich gesaugt wird, oder nur nach Bedarf, die Bettwäsche gebügelt, oder einfach glattgezogen wird, das spielt nun wirklich keine Rolle. Es darf auch mal was stehenbleiben. Denn in einer Familie ist schliesslich immer was los – und das darf man ruhig auch sehen. Bei uns bleiben Buntstifte und Schreibblöcke oftmals liegen, und wenn wir den ganzen Tag ausser Haus sind, stört das auch bestimmt niemanden.

Liebe PerfektionistInnen…

Unsere Kinder brauchen vor allem ein gutes Vorbild. Sie brauchen Liebe, Zeit, Verständnis, Aufgaben und nicht zuletzt Regeln. 

Sehen wir doch ein, dass wir nicht ständig allen gefallen können, und klopfen wir uns ruhig öfter mal wieder selbst auf die Schultern. Anstatt ständig der Perfektion hinterherzuhetzen, sollten wir lieber Zeit mit unseren Liebsten verbringen, gemeinsam spielen, den Wald durchstreifen und miteinander lachen. Wichtiger als ein gebügeltes T-Shirt ist für Kinder, dass man auf ihre Bedürfnisse eingeht und ihnen Geborgenheit schenkt, Traditionen weitergibt und sie dabei unterstützt, erwachsen zu werden. Muttersein bedeutet für mich, mein Kind auf das Leben vorzubereiten und seine Persönlichkeit zu respektieren. 

In der folgenden Tabelle sehen Sie die Antworten von 35 Kindern der Stadt Zürich auf die Frage, wie sie sich ein perfektes Mami vorstellen. Also: Seien wir nett und unternehmen öfter etwas gemeinsam mit unseren Kleinen.

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