Schuleintritt – das Tor zum Glück?

Erstklässler setzen viel aufs Spiel, sobald die Sehnsucht nach Anerkennung und Zugehörigkeit wächst.

Auf die einst so drängende Frage «Wer bin ich?» folgt in der Schule eine neue: «Bin ich gut genug?». Foto: Pixabay (Pexels)

Ich hätte mich ja ganz gerne der leicht verschobenen Wahrnehmung hingegeben, unser Leben würde sich noch lange in diesem trägen, terminfreien und ausgeschlafenen Modus bewegen, den lange Sommerferien in sich tragen. Doch unsere Tochter verhinderte den Weg der Verdrängung ab der zweitletzten Ferienwoche konsequent.

Verständlich, schliesslich wartet auf sie nicht einfach ein beliebig neues Schuljahr, sondern der Eintritt in die erste Klasse, der sie, endlich, aber auch so was von endlich, in die Welt der Grossen katapultieren würde. Sie, die ihren Bruder bei seinen wichtigen Schulgeschäften stets grün vor Neid betrachtet hatte, würde nun eine von ihnen sein.

Seit einer Woche findet sich ihr stolz erstandener Schulranzen in stetiger Griffbereitschaft, und es grenzt an ein Wunder, dass sie ihn nicht auch noch zum Schlafen trägt. Täglich wird der Inhalt des Etuis geprüft, und sie kann ihr Glück kaum fassen, dass diese wunderbaren Stifte mit ihr bald Buchstaben und Zahlen formen werden.

«Bin ich gut genug?»

Mich hingegen beschleicht leise Wehmut aufgrund ihrer freudigen Geschäftigkeit. Nicht, weil meine Kleine nun definitiv so gar nicht mehr klein ist, oder jedenfalls nicht hauptsächlich. Sondern weil ich mich daran erinnere, wie es damals bei ihrem Bruder war. Auch er hatte seinen Schuleintritt mit dieser begeisterten Ernsthaftigkeit vorbereitet, und eine Weile hat ihn sein Stolz und seine Neugierde auch durch die Schulzeit getragen.

Doch dann begann er zu messen. Seine Leistungen, seinen Beliebtheitsgrad, wofür er gelobt wurde und die Anzahl der gelben Kleber, die auf den Prüfungen anzeigten, dass es da noch Luft nach oben gibt. Immer häufiger wurde von ihm die einst so drängende Frage: «Wer bin ich?» durch: «Bin ich gut genug?» ersetzt, und die Überzeugung, es eben nicht zu sein, wuchs.

«Willkommen in unserer Gesellschaft!», habe ich oft gedacht, wenn ich sein mürrisches Gesicht betrachtete, das sich über die Hausaufgaben beugte, die er in der ersten Woche am liebsten dreimal täglich erledigt hätte und zu denen man ihn nun fast prügeln musste. Und ich erinnerte mich an die Frage, die ich mir zu Kleinkindzeiten oft gestellt hatte, wenn ich im total überfüllten, aber todstillen Bus, die müden und gleichgültigen Gesichter betrachtete, neben denen man hätte zusammenbrechen können, ohne dass jemand reagiert hätte, weil alle komplett von ihren Smartphones absorbiert waren.

Lebendigkeit gegen Anerkennung

Was zum Teufel, hatte ich mich gefragt, geschieht mit unserer Lebenskraft, zwischen dem von Energie übersprudelnden Kleinkindalter und unseren müden Busgesichtern? Warum wird rund die Hälfte von uns Busgesichtern mit 40 eine Psychotherapie oder eine Drogenkur machen, um die verschüttete Lebensenergie wieder zu finden? Wo ist sie hin?

Es ist nicht die Schuld der Schule. Das wäre nun wirklich zu einfach. Sondern vielmehr die Tatsache, dass die meisten Menschen zwischen zwei Emotionen hin- und hergerissen sind. Zwischen dem Gefühl «So wie ich bin, bin ich richtig» und der Sehnsucht nach Anerkennung und Zugehörigkeit. Es sind eben diese zwei Gegenpole, die Kinder manchmal zerreissen und die sie in ihrer Abhängigkeit allzu oft dafür entscheiden lassen, ein Stück Lebendigkeit gegen einen weiteren, golden glänzenden Taler der Anerkennung einzutauschen, sodass immer weniger von ihrem eigenen Schatz zurückbleibt.

Und so schaue ich also wehmütig meiner Tochter zu, wie sie zum siebzigsten Mal ihre Buntstifte spitzt, die bereits stummelartig klein sind, bevor sie jemals mit einem Schulheft in Berührung gekommen sind. Und ich wünsche ihr von Herzen, dass sie in ihrer Schulkarriere zeigen darf, wer sie ist, und sich nicht allzu zu oft zwischen Anerkennung, Akzeptanz und dem eigenen Selbst entscheiden muss.