Welcher Nachname wirds?

Zig Argumente und ein vorläufiges Unentschieden: Wer sich bei der Namensgebung wie und warum durchsetzen sollte.

Deiner oder meiner? Bei der Wahl bezüglich Nachnamensgebung sind rationale Entscheidungshilfen gefragt. Foto: iStock

Den Vornamen für unser Baby zu finden, war einfach. Schon als ich im fünften Monat war, stolperten wir über ihn. Seither hat uns keiner besser gefallen. Weitaus schwerer tun mein Freund und ich uns beim Nachnamen, den wir nun auf dem grünen Geburtsanmeldeformular fürs Spital notieren sollen, das vor einigen Wochen ins Haus geflattert ist. Wir sind nicht
verheiratet, die Vaterschaftsanerkennung ist jedoch bereits unterschrieben, und wir haben das gemeinsame Sorgerecht. Das heisst: Wir können zwischen meinem und seinem wählen.

Das stellte sich als schwierigeres Unterfangen heraus. Ich heisse Hess, mein Freund hat einen ähnlich kurzen Familiennamen. Beide müssen wir sie bisweilen buchstabieren, im Grunde sind sie in der Schweiz aber relativ alltäglich. Seltenheit, Verständlichkeit – die rationalen Entscheidungshilfen, um uns einfach für einen unserer Nachnamen zu entscheiden, sind schnell ausgeschöpft. Bleibt noch der Klang. Nur liegt dessen Schönheit oft in den Ohren der Trägerin oder des Trägers. Hat man ein halbwegs gutes Verhältnis zu seinem Nachnamen, klingt er für einen selber doch meist angenehmer als jener des anderen. Schliesslich ist er ein Gefäss, jahrzehntelang gefüllt mit Erinnerungen und Menschen, die einem zumeist lieb sind. Selbst meiner ist das für mich, trotz seinem braunen Beigeschmack; Hitlers Stellvertreter hiess Rudolf Hess. «Werden wir beim Namen gerufen», sagt die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff in einer ihrer Poetikvorlesungen, «kehrt unser im Vagen herumtreibendes Ich augenblicks zu uns zurück.»

Zwischen Gefühl und Tradition

Mein Freund und ich suchen also weitere Gründe für den einen oder anderen Namen. Gesellschaftliche beispielsweise. Man kann sagen, dass der Vater eines Babys ihm nun auch ein Stück von sich mitgeben darf, nachdem es ja schon in Mutters Bauch wuchs und so eng mit ihr verbunden ist. Oder genau andersrum: Frauen bringen die Kinder auf die Welt, sie geben dafür ihren Körper her. Also sollen die Kinder auch heissen wie sie. Man kann zudem argumentieren, dass Frauen ihren Namen jahrzehntelang nicht vererben konnten. Sollte dann nicht jetzt – der ausgleichenden Gerechtigkeit willen – vornehmlich die Mutter ihren Familiennamen weiterreichen?

Doch das bleibt alles theoretisch. Der Verstand kann unzählige Argumente produzieren. Am Ende geht es darum, wie wir sie bewerten. Und da kommen das Gefühl ins Spiel und die Tradition, die bedeutend schwerer wiegen. In den Diskussionen, die ich in den letzten Monaten mit einigen Männern führte, merkte ich, dass es auch für die emanzipierten von ihnen schwierig vorstellbar ist, dass das gemeinsame Kind nicht so heisst, wie sie. Fragt man weshalb, kommt meist diese Antwort: Ich finde es einfach schön. Das Argument scheint zu reichen, wenn man ein Mann ist. Auch mein Freund fände es einfach schön, wenn unser Kind hiesse wie er. Ich hingegen versuche, zig pragmatische Argumentationslinien aufzuziehen. Am Ende muss ich aber eingestehen: Auch ich fände es schlicht und einfach schön, wenn es mein Name wäre, der das herumtreibende Ich meines Kindes fassen könnte.

Es bleibt uns nichts anderes übrig, als dass einer von uns nachgibt – grundlos. Bis dahin bleibt das Feld für den Nachnamen auf unserem grünen Anmeldeformular leer. Uns bleiben ja noch zwei Wochen.

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