Best of: Wieso das Kind später einschulen?

Unverständlich, weshalb Eltern das Kind erst ein Jahr später in den Kindergarten schicken wollen.

Während der Ferienzeit publizieren wir Texte, die besonders zu reden gaben. Dieser Beitrag erschien erstmals am 14. März 2019.

Zu früh für den Kindsgi, Papa? Einige Eltern tun sich schwer mit der Einschulung. Foto: iStock

Als ich damals in den Kindergarten eingezogen wurde, war ich sechs Jahre alt. Ein Jahr hätte es dauern sollen. Doch die bleichsten und ängstlichsten Kinder durften ein weiteres Jahr bleiben. Ich kam also erst mit acht Jahren in die Schule.

Heute müssen Kinder ab vier Jahren in den Kindergarten, und das verursacht vielen Eltern Ausschlag: «Amedeus ist doch noch so ein Zarter!»

Der Brecht war in unseren Augen grobschlächtig genug für den Kindergarten. Und so schritt er drei Monate nach seinem vierten Geburtstag in Leuchtweste gehüllt den Bildungsweg ab. Als Nicht-Kitakind war es für ihn höchste Zeit, endlich in einem Rudel unterzukommen, fanden wir. Dieses «fanden wir» ist ziemlich entscheidend, denn der Kanton Bern erlaubt das freiwillige Zurückstellen des Kindes um ein Jahr. Ohne ärztlichen Bericht, ohne Gespräch mit der Bildungsdirektorin und ohne dass ein Schamane den Entscheid auspendeln muss. Im Anmeldeformular hats einfach so eine Taste wie bei Windows: «Update nicht jetzt installieren. In einem Jahr erinnern.»

Der Windeljoker sticht immer

Entsprechend viele Eltern machen davon Gebrauch, und so kreisen halbe Jahrgänge in der Warteschlaufe. Das wiederum verunsichert Eltern, die eigentlich nicht zurückstellen wollten. «Huch Patrick, Stämpflis Abigail-Madison geht auch erst nächstes Jahr. Ob wir mit Käthi doch noch warten sollen?» Ein Teufelskreis. Oder eher ein Satansbratenkreis.

Klar, es gibt gute Gründe fürs Zurückstellen – gerade wenn der Stichtag kurz nach dem vierten Geburtstag liegt. Da füllt Belle-Amandine noch täglich vier Windeln, und Sebastian hängt nicht nur am Rockzipfel, er hat sich dort gleich mit einem Veloschloss angekettet.

«Z Hülf, der Staat raubt mir mein Kind!»

Doch neben Belle und Sebastian gibt es auch noch Buolf. Er wäre mit fast fünf Jahren eigentlich bereit für den Kindergarten, aber seine Eltern nicht. Also stellen sie ihn zurück. Mit dem Resultat, dass im nächsten Kindergartenjahr wieder alles von vier bis sechs eingetopft wird. Von frisch aus der Windel bis kurz vor Bartwuchs.

Im Prinzip ist das unproblematisch. Zumindest in Brechts Klasse kommen Kinder und Lehrerinnen gut mit dem Altersunterschied zurecht. Er geht in eine Basisstufe, und da tummelt sich sowieso alles, was irgendwie unter die Definition «Kind» fällt.

Ein Argument fürs Zurückstellen werde ich dennoch nie ganz verstehen. Es lautet etwa so: «Was die sich da in Bern oben erlauben. Mit vier ist Maximilian-Jason noch viel zu jung für den Ernst des Lebens!»

Ernst des Lebens? Srsly? Was denken Aeschlimanns, was ihr Sohn im Kindergarten machen wird? Eine Steuererklärung ausfüllen, die Darmkrebsvorsorge üben oder im Nahostkonflikt vermitteln?

The great Kindsgi

Die Kinder erhalten mit vier Jahren tatsächlich ein Mathe-Lernbuch. Das mag manche abschrecken. Manche Eltern. Der Brecht hat sich bisher nicht beklagt. Wir haben ihn früh geschickt und bereuen es nicht. Wobei, was heisst eigentlich früh? Halt so, wie es das Gesetz vorsieht.

Gekriegt haben wir genau das, was man von einem Kindergarten erwarten darf, den Kinder ab vier Jahren besuchen sollten: Ein Ort, an dem Spielen und Lernen ineinander übergehen – wo sich Kinder gleichzeitig individuell entfalten können und in eine grössere Gemeinschaft einfügen müssen.

Auch Maximilian-Jasons Eltern sind inzwischen ganz glücklich, dass ihr Spross im Kindergarten gut gedeiht. Am ersten Tag nach den Ferien gibt es zwar jedes Mal Tränen, aber Herr und Frau Aeschlimann lassen sich amigs rasch wieder trösten.

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