Das Klischee vom Zahlvater ist nicht wahr

Männer seien die grossen Verlierer nach einer Trennung, heisst es oft. Doch es kann auch umgekehrt sein – eine Betroffene erzählt.
Mamablog

Sehnen sich getrennte Väter ständig nach ihren Kindern? Die Realität ist oft eine andere. Foto: iStock

Männer haben nach einer Trennung das Nachsehen: Sie müssen ihre Ex-Frauen jahrelang finanzieren, und die Kinder dürfen sie höchstens jedes zweite Wochenende sehen. So weit das Klischee, das manchmal durchaus zutreffen mag. Doch es gibt auch die anderen Fälle. Meine Freundin Julia (38, Name geändert), hat sich vom Vater ihrer Kinder getrennt und ist seither alleinerziehende Mutter. Sie erzählte mir, wie ihr Leben tatsächlich aussieht:

«Eigentlich lohnt es sich nicht, sich darüber aufzuregen. Aber es ärgert mich trotzdem, dass man immer wieder dieselben Bemerkungen über alleinerziehende Mütter liest, auch hier in den Mamablog-Kommentaren: Die würden doch alle ihre Ex-Männer ausnehmen und selber auf der faulen Haut liegen. Und die Kinder nähmen sie den armen Männern auch weg.

Solche Vorwürfe sind unglaublich weit weg von meiner Realität. Wir haben uns vor drei Jahren getrennt. Als es in der Beziehung immer weiter bergab ging, bin ich nicht etwa davongelaufen, sondern habe eine Paartherapie vorgeschlagen. Wir haben es lange versucht mithilfe des Therapeuten, bis ich eines Tages erkennen musste, dass es nicht mehr funktionieren wird. Dass wir uns gegenseitig kaputt machen, wenn wir keinen Schlussstrich ziehen. Ich befürchtete wirklich, dass ich ihn eines Tages hassen würde, wenn ich ihn weiterhin jeden Tag um mich herum haben würde. So weit wollte ich es auf keinen Fall kommen lassen, denn er ist schliesslich der Vater meiner Kinder und ich hatte ihn doch einmal unheimlich geliebt.

Am Ende waren wir uns einig, dass eine Trennung für uns und die Kinder die beste Lösung sei. Im Nachhinein glaube ich jedoch, dass er sich damals selber etwas vorgemacht hat. Ich war diejenige, die gesagt hat, dass unsere Beziehung nicht mehr zu retten sei. Offenbar gibt er deshalb mir die Schuld an unserem Scheitern – und entsprechend wütend verhält er sich oft.»

Nicht jede Frau erhält Betreuungsunterhalt

«Das zeigte sich etwa, als es darum ging, das Finanzielle zu klären. Hatte er zuvor immer gesagt, er wolle sich grosszügig zeigen und für die Kinder und mich da sein, war das im Moment der Wahrheit plötzlich vergessen. Wir hatten im Konkubinat gelebt und gingen zu einer neutralen Beratungsstelle, um uns bei dem Thema unterstützen zu lassen. Dort kam aus, dass ich meinen sogenannten Notbedarf mit meinem eigenen Lohn decken könne und er deshalb nicht gezwungen sei, mir Betreuungsunterhalt zu bezahlen.»

(Zur Klärung: Das Betreuungsgeld bekommt der Elternteil, der sich mehrheitlich um den Nachwuchs kümmert – in der Regel reduziert man dafür schliesslich sein Arbeitspensum, verzichtet also auf Lohn.)

«Die Dame von der Beratungsstelle schlug vor, dass er mir freiwillig Betreuungsunterhalt auszahlen könnte, da er sehr gut verdient und die Alimente für die Kinder knapp berechnet sind, basierend auf dem absoluten Minimum eben. Er weigerte sich. Wenn ich mehr Geld wolle, müsse ich eben mehr arbeiten. Dabei arbeitete ich schon damals mit meinen 60 Prozent mehr, als ich laut Gesetz überhaupt müsste.

Nun leben meine zwei Kinder und ich also von meinem Lohn und dem Barunterhalt, den er für die Kleinen bezahlt. Es funktioniert, auch weil ich glücklicherweise zu kinderlosen Zeiten etwas Geld gespart hatte, auf das ich nun zurückgreifen kann. Fair finde ich die Regelung trotzdem nicht. Erst recht nicht, weil er sie so kleinlich auslegt, sich etwa weigert, auch mal etwas Kleines für die Kinder zu kaufen. ‹Papa sagt, er gebe dir jeden Monat mega viel Geld, damit du uns alles besorgst›, sagen die Kinder dann jeweils zu mir.

In solchen Momenten muss ich mich extrem zusammenreissen, dass mir nicht Dinge über die Lippen rutschen, die ich später bereuen könnte. Ich will nicht vor den Kindern über den Ex lästern. Die Kleinen lieben Mama und Papa gleichermassen, und ich weiss, dass es grauenvoll für sie wäre, wenn eine Partei die andere ständig schlechtmachen würde.»

Kinder sollten zu Mutter und Vater Kontakt haben

«Aus demselben Grund finde ich es auch wichtig, dass die Kinder nach wie vor beide Elternteile regelmässig sehen. Ich hatte nie vor, meinem Ex die Kinder wegzunehmen, so wie man das immer wieder hört. Es ist vielmehr so, dass er von sich aus nur begrenzt Zeit mit ihnen verbringt. Sie sind jedes zweite Wochenende und einen Abend pro Woche bei ihm. Mehr gehe nicht, findet er.

Drei Wochen Ferien pro Jahr dürften die Kinder laut unserer Vereinbarung auch mit ihm verbringen. Letztes Jahr waren es am Ende knapp zwei. Auch dieses Jahr hat er erst Ferien mit den Kleinen geplant, nachdem ich ihn mehrmals daran erinnert habe.

Es sind eben nicht immer die Mütter, die den Vätern den Umgang mit den Kindern verbieten. Manchmal sind es auch die Männer selber, die ihre Energie lieber in ihr neues Leben investieren als in ihre Kinder.»

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Wie berechnet sich der Betreuungsunterhalt?
Der Betreuungsunterhalt bemisst sich laut einem Bundesgerichtsurteil von 2018 nicht nach dem Einkommen der zahlungspflichtigen Person, sondern nach den Bedürfnissen des betreuenden Elternteils. Kann eine Mutter ihr Existenzminimum (dieses liegt je nach Region zwischen 2600 und 3500 Franken) selber decken, erhält sie folglich kein Betreuungsgeld. Verdient sie hingegen kein eigenes Geld, muss der Vater unter Umständen jeden Monat eine hohe Summe zahlen. Seit Anfang 2017 gilt diese Regel für alle Eltern, ganz egal, ob sie verheiratet waren oder nicht.

Ab wann muss der betreuende Elternteil wie viel arbeiten?
Die 10/16-Regel besagt, dass der betreuende Elternteil nicht arbeiten muss, bis das jüngste Kind 10 Jahre alt ist. Danach sei eine 50-Prozent-Stelle zumutbar. Feiert das jüngste Kind seinen 16. Geburtstag, ist laut Bundesgericht wieder ein Vollzeitjob möglich. Im Kanton Zürich wird diese Regel heute kaum mehr angewendet, andere Kantone halten nach wie vor daran fest.

Das Bundesgericht hat 2018 in einem Urteil das sogenannte Schulstufenmodell propagiert. Dieses besagt, dass ab Schuleintritt des jüngsten Kindes wieder ein 50-Prozent-Job zumutbar sei. Tritt das Jüngste in die Sekundarstufe ein, soll der betreuende Elternteil sein Pensum auf 80 Prozent aufstocken, nach dem vollendeten 16. Lebensjahr des jüngsten Kindes auf 100 Prozent.