Chronologie eines Schulfests

Für die meisten Kinder und Eltern endete das Schuljahr 2018/19 mit einem Fest. So dürfte es abgelaufen sein.

Ein emotionaler Hotspot jedes Schulfests: Der Schminkstand. Foto: iStock

In fast allen Kantonen haben die Sommerferien begonnen. (Zürich, was geht?) Für die meisten Kinder und Eltern endete das Schuljahr 2018/19 mit einem Schulfest. Es könnte so oder ähnlich abgelaufen sein:

13:00 – Mir sind die Brownies «abverheit». Zu wenig lang im Backofen – ich hatte ein neues Rezept getestet. Wie immer verfluche ich mich für das unüberlegt hingebleistiftete Kreuzchen bei «ich bringe etwas Feines fürs Kuchenbuffet mit».

15:15 – Wir treffen auf dem Schulfest ein. Wie befürchtet: Sabine, die Präsidentin des Elternrats, nimmt alles Gebäck persönlich in Empfang. Ich warte, bis sie von der Schulleiterin für die aufwendige Dekoration der Essensstände gelobt wird, und stelle meine Guetslibüchsen hinter ihrem Rücken unauffällig ins Buffet. Die noch vom Osterfest herrührende Beschriftung «M. Tschannen» hatte ich zuvor mühsam aus dem Bodenblech gefeilt.

15:41 – Loïc kratzt sich am Schienbein.

16:02 – Ich beobachte Sabine an der Kuchengebäckannahmestelle, wie sie reihenweise betupperte Mütter mit je drei Küsschen begrüsst. Nadia Meier hatte recht: Backen scheint Müttersache zu sein. Philosophische Frage: Wenn Väter Gebäck hinstellen, und niemand sieht es, haben Sie dann überhaupt an der gesellschaftlichen Norm gerüttelt?

16:20 – Ein Kind will unbedingt als Alpaka geschminkt werden, doch niemand am Schminkstand weiss, wie ein Alpaka geht. Es kriegt «Kätzchen» angeboten. Lautes zetern, die Situation droht zu eskalieren. Man einigt sich schliesslich auf «Schaf». Manchen Kindern täte etwas Erziehung gut.

16:25 – Loïc kratzt sich wild an den Armen und am Füdli. Gerüchte machen die Runde.

16:59 – Mich hüngert nach Brownies. Stelle fest, dass ich mein eigenes Gebäck kaufen muss. Beschliesse, mir bei nächster Gelegenheit die Jahresrechnung des Elternrats vorlegen zu lassen.

17:10 – Der Brecht will alle 5 Minuten wissen, ob man das Schaf in seinem Gesicht noch erkennen kann. Kann man nicht. Wir sagen trotzdem Ja, weil wir Angst vor wüsten Szenen am Schminkstand haben.

17:23 – Steffi Matter glaubt zu wissen, dass Loïcs Mutter gegenüber Katarina Stjepanić bestätigte, dass Loïc Wilde Blattern habe. Vom nahen Parkplatz sind in den nächsten Minuten die quietschenden Reifen davonbrausender SUV zu hören.

17:44 – Durst. Frage mich, wohin die 8 Franken für eineinhalb Liter M-Budget-Mineralwasser fliessen. Immerhin habe ich den letzten Plastikbecher erwischt. Sabine holt eine neue Packung aus dem Kofferraum ihres Maserati.

18:20 – Lea-Marihuana ist seit 30 Minuten verschwunden.

18:38 – Filzstifte gehen rum, um die Kinder zu markieren, die geimpft sind oder schon Wilde Blattern hatten. Loïc darf nur noch mit markierten Kindern spielen. Die Idee hatte Reto Stückelberger, weil «wir fliegen übermorgen nach Florida, und da wäre es wirklich blöd, wenn Maximilian-Jason krank würde».

19:15 – Mit blumigen Worten verabschiedet die Schulleiterin die Sechstklässler*innen in die Oberstufe und sich selbst in die Pensionierung.

19:26 – Die für Bildung zuständige Gemeinderätin beginnt eine Lobrede auf die scheidende Schulleiterin und spannt rasch einen Bogen zu ihren eigenen politischen Errungenschaften. Die Rede will und will nicht aufhören.

19:40 – Der Schulsozialarbeiter findet Lea-Marihuana zufällig in einer Ritze der Hüpfburg. Es geht ihr den Umständen entsprechend gut.

20:00 – Das Fussballturnier der Erst- bis Viertklässler*innen beginnt. Die Eltern trennen sich in zwei Gruppen auf: Gruppe «Helikopter» am Spielfeldrand, nach heiklen Schiedsrichterentscheiden teilweise auch auf dem Spielfeld, und Gruppe «Ballon» an der Bar.

20:30 – Es riecht auffällig nach Socken und Kuchenbrosmen. Drehe mich um und sehe Lea-Marihuana davonhuschen.

21:27 – Das Team «FC Kopfrechnen» hat das Fussballturnier gewonnen. Etwas Statistik: Die Zwillinge Noemi und Kira-Samantha aus der 3b haben zusammen 78% der Turniertore geschossen. Joël wurde zwölfmal gefoult. Alle zwölf Kinder mussten sich bei ihm entschuldigen.

21:40 – Schimpfende Elternhälften zerren alkoholisierte Resthälften in Richtung Parkplatz. Auch Reto Stückelberger hat zu viel getrunken, wird aufgefordert, das Auto stehen zu lassen und mit Melanie Rüdisüli mitzufahren. Es wird eng. Loïc und Maximilian-Jason müssen sich einen Sitz teilen.

22:00 – Das Schulfest geht zu Ende. Der Hauswart stellt der Gemeinderätin das Mikrofon ab.

22:11 – Sabine räumt das Kuchenbuffet auf. Ich lauere hinter einer Bierzeltgarnitur, erwische aber keinen passenden Moment und beschliesse, die Guetslibüchsen zurückzulassen. Kaufe mir fürs nächstes Jahr neue oder kreuze erst gar nichts mehr an.

 

Aufgaben für Sie, liebe Leser*innen:

  1. Schreiben Sie einen kurzen Erfahrungsbericht über das Schulfest an der Schule Ihrer Kinder.
  2. Machen Sie Dreiergruppen, und diskutieren Sie die Frage: «Sollten Schulfeste alkoholfrei sein?»

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