Kind, es tut mir leid!

Spricht man Kindern den Anspruch auf reuiges Verhalten der Eltern ab, weil man sie grundsätzlich nicht so für voll nimmt? Foto: Mohamed Abdelgaffar (Pexels)

Manchmal, und nicht nur manchmal, verhalte ich mich meinen Kindern gegenüber unfair. Ich bin genervt oder aufbrausend, ich lasse sie nicht ausreden oder unterstelle ihnen Dinge, die sie nicht gedacht, gesagt oder getan haben. Ich leite Sätze mit der unsäglichen «Du bist/tust IMMER dies oder das»-Floskel ein, obwohl ich genau weiss, dass sie in keiner Situation hilfreich oder auch nur angemessen ist. Ich höre nicht richtig zu, ich zeige nur halbherzig Interesse, ich wünsche mir in ihrem Schwall aus Bedürfnissen und Nichtigkeiten bessere Gesellschaft.

Mit anderen Worten: Manchmal bin ich ein richtiger Arsch. Ich bemühe mich nach Kräften, es besser zu machen und das Level allgemeiner Arschhaftigkeit herunterzuschrauben, aber insbesondere unter Stress zeigt sich immer wieder, dass diese Arschhaftigkeit zu mir gehört und ich sie auch nicht mal eben auf die Schnelle loswerden kann. Gute Vorsätze reichen da nicht. Auch nicht das Wissen darum, dass ich es besser machen sollte.

Selbst vorgeplante Strategien sind viel zu oft frustrierend nutzlos. Atmen und an etwas Schönes denken hilft auch nur bedingt gegen den sich Bahn brechenden Ärger darüber, dass einem das eigene Kind rotzfrech ins Gesicht gelogen hat. Und selbst ein gut eingespielter Alltag kann nur bis zu einem gewissen Mass über die Tatsache hinwegtäuschen, wie unsouverän Elternschaft eben auch oft gestaltet wird.

Eltern sind nie perfekt

Den meisten Eltern, die ich kenne, geht es ähnlich. Niemand hält sich für perfekt, allen ist mehr oder weniger klar, dass sie in ihrer Erziehung hier und da gehörig Mist bauen und was die neuralgischen Punkte sind, um die es dabei immer wieder geht. Und doch bitten nur die wenigsten ihre Kinder um Verzeihung.

Für mich fühlt sich das vertraut und fremd zugleich an. Und ehrlich gesagt ziemlich abstossend. Ich bin so aufgewachsen. Meine Eltern waren wie alle Eltern nicht perfekt und hielten es wie scheinbar viele Eltern trotzdem nie für nötig, vor den Kindern Fehler einzuräumen und so etwas wie «Es tut mir leid!» zu sagen. Selbst in Situationen, in denen ohne jeden Zweifel für alle Beteiligten ersichtlich war, dass sie sich wie Ärsche aufgeführt und richtig Mist gebaut haben.

Als Kind hat mich das so wütend gemacht, dass ich mir vorgenommen habe, es später anders zu handhaben, falls ich einmal selbst Kinder haben sollte. Ich bin mir sicher, dass ich Fehler nicht annähernd so oft einräume, wie ich sie begehe und es tun sollte. Schon allein aus dem Grund, dass ich viele gar nicht sehe. Aber wenn ich es tue, kostet es mich keine Überwindung, einzuräumen, was ich verbockt habe, und «Entschuldige bitte» zu sagen.

Woran liegt das?

Deswegen irritiert mich auch, dass das anderen so schwer zu fallen scheint. Inklusive meiner Eltern, die ich zwar immer mal wieder danach gefragt habe, die sich dabei aber stets wortkarg gaben und achselzuckend darauf verwiesen, wie lange das alles schon her sei. Deshalb an dieser Stelle meine Frage an Sie:

Woran liegt das? Hat es was mit Autoritätsverlust zu tun oder der Angst, dass einen die eigenen Kinder nicht mehr als unfehlbar wahrnehmen? Spricht man Kindern den Anspruch auf reuiges Verhalten der Eltern ab, weil man sie grundsätzlich nicht so für voll nimmt? Ist das vielleicht eine Frage der Generation? Oder übertreibe ich am Ende einfach nur und die meisten Eltern haben überhaupt kein Problem damit, Fehler vor ihren Kindern einzugestehen und klarzustellen, dass es ihnen leidtut?

Vielleicht machen andere Eltern das auch nur später. Also nicht in dem Moment, wo sie feststellen, dass sie ihre fünfjährige Tochter grundlos wegen der verlorenen Schaufel zusammengefaltet haben, die beim Zusammenräumen dann – hoppla – im Kinderwagen gefunden wird, weil sie gar nicht ausgepackt wurde. Und auch nicht der Moment, in dem man den dreizehnjährigen Sohn vor anderen (mir) anschreit, weil er angeblich den Zettel mit den Informationen zur Schulreise verbummelt hat, und ihn noch im Brüllen in dem Stapel Papiere findet, die man seit Wochen auf dem Küchenfensterbrett hat liegenlassen, um sich «später darum zu kümmern».

Ein wunder Punkt

Vielleicht ist eine Entschuldigung auch so intim, dass man sie nicht bezeugen lassen will. Das wäre immerhin möglich. Aber ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass es sich hierbei um einen wunden Punkt handelt, den kaum jemand so recht sehen, geschweige denn anfassen und behandeln will. Dabei wäre es allerhöchste Zeit.

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