Frau ist schwer vermittelbar

Abstieg auf der Beliebtheitsskala: Mutterschaft beeinträchtigt die Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Foto: rawpixel.com (Pexels)

Dass einer Frau mit einer fadenscheinigen Begründung gekündigt wird nach der Geburt, hört man immer wieder einmal. Nun zeigt erstmals eine Untersuchung, wie viele solche Fälle es in der Schweiz tatsächlich gibt. Wie die «NZZ am Sonntag» berichtete, ist das Büro für arbeits- und sozialpolitische Studien im Auftrag des Bundesamts für Sozialversicherungen der Frage nachgegangen, wie häufig eine Mutterschaft zur Erwerbslosigkeit führt. Das Ergebnis: Rund jede siebte Frau ist betroffen.

«15 Prozent der Frauen legen nach der Geburt gegen ihren Willen eine Erwerbspause ein», sagt Studienautorin Melania Rudin gegenüber der NZZaS. In den meisten Fällen wurde ihnen gekündigt oder sie konnten ihr Pensum nicht reduzieren und gingen deshalb selber. In wenigen Fällen muss die Frau pausieren, weil sie keinen Betreuungsplatz für das Kind findet.

Mütter haben schlechtere Jobchancen

Ist die junge Mutter ihren Job erst einmal los, ist es alles andere als einfach, einen neuen zu finden. Denn als Frau mit kleinem Kind steht sie definitiv nicht zuoberst auf der Wunschliste der HR-Abteilungen. In der Schweiz existieren dazu zwar keine eindeutigen Zahlen, Michael Siegenthaler vom Konjunkturforschungsinstitut der ETH Zürich sagt aber, dass die Statistik darauf hindeute, dass «eine Mutterschaft die Chancen auf dem Arbeitsmarkt beeinträchtigt». 

Diese Statistik wird untermauert von einem Fall aus unserem Nachbarland Österreich, das bei dieser Thematik durchaus mit der Schweiz verglichen werden kann. Der Arbeitsmarktservice AMS, das Pendant zu unserem RAV, hat einen Algorithmus entwickeln lassen, der die Jobchancen der Stellensuchenden einschätzen soll. Fördergelder sollen so wirtschaftlicher verteilt werden. 

Die Personen werden vom Programm in drei Gruppen eingeteilt: rasch vermittelbar, mittlere Arbeitsmarktchancen, schwer vermittelbar. Je mehr Punkte ein Stellensuchender sammeln kann, desto besser wird er bewertet.

Weiblich? Punktabzug!

Wie der Algorithmus arbeitet, wurde transparent kommuniziert. Positivpunkte gibts zum Beispiel, wenn jemand eine Lehre abgeschlossen hat, ein paar weitere Punkte auch für eine Matura oder einen Universitätsabschluss.

Negativpunkte erhält man, wenn man weiblich ist: Frauen bekommen vom Programm per se weniger Punkte als Männer. Haben sie Kinder, gibts noch einen extra Punkteabzug. Bei Männern mit Betreuungspflicht wirkt sich diese hingegen nicht negativ auf die Bewertung aus.

Die österreichische Journalistin Barbara Wimmer hat sich dem Thema intensiv gewidmet und an der «Republica» in Berlin vor ein paar Wochen einen Vortrag dazu gehalten, zu sehen auf Youtube. Sie hat mit diversen Wissenschaftlern und Kritikern des Systems gesprochen, die es als «Paradebeispiel für Diskriminierung» bezeichnen. Und wie reagiert der AMS selber auf die Kritik? «Der Algorithmus ist nicht diskriminierend, er bildet nur die Realität am Arbeitsmarkt ab», so die Antwort. 

Mit anderen Worten: Ja, Frauen werden auf dem Arbeitsmarkt aufgrund ihres Geschlechts und aufgrund ihrer Mutterschaft benachteiligt. Das System spiegelt das bloss. Weil ein Algorithmus eben auch nicht neutraler handelt als die Menschen, die ihn konstruiert haben.

Seit mittlerweile 24 Jahren reden wir davon, dass Frauen und Männer die gleichen Chancen haben sollten auf dem Arbeitsmarkt. So lange ist es nämlich her, seit das Gleichstellungsgesetz eingeführt wurde. Und doch sind wir auch heute noch weit von diesem Ziel entfernt: Frauen werden nach wie vor schlechter bezahlt für dieselbe Arbeit, sie werden in Bewerbungsgesprächen nach ihren Fortpflanzungsplänen gefragt, bei der Jobsuche regelmässig aufgrund ihres Geschlechts benachteiligt. Und bisweilen sogar entlassen, bloss weil sie ein Kind bekommen haben.