Highlights und ein Höllentrip

Schön wars! Unsere Chefin zieht weiter – und wünscht alles Gute.

Für den Mamablog zu schreiben, war das Letzte, was ich wollte. Er gehörte zwar kurz nach seiner Gründung zu meiner täglichen Lieblingslektüre, und ich verfolgte die Diskussionen mit Interesse. Als Mutter eines Primarschulkindes, berufstätig und in einer Patchworkfamilie lebend, sprachen mich viele Themen an. Mich und meine Familie aber in einem Blog exponieren und von Kommentarschreibern zerfetzen lassen? Nichts für mich!

Meine Freundin Nina Merli aber liess nicht locker. Irgendwie schaffte sie es dann, mich im Februar 2012 doch zu einem Posting zu überreden – obwohl sie auf meine Bedingung, den Text nur in anonymisierter Form zu bringen, überhaupt nicht einging. Der Text schlug dann ein, auch in mein Leben.

Beim nächsten Mal tat ich nicht so sperrig und bald darauf begann ich, regelmässig zu schreiben. Die Themen fielen mir zu. Ich mochte deren Vielfalt und diese direkte Form des Schreibens, auch wenn ich vor einer Veröffentlichung eines Postings immer mal wieder schlaflose Nächte hatte. Würde ich wegen meines Goldküstenneurosen-Texts im Dorf fortan geächtet? Hatte ich mit dem – wenn auch lustigen – Bericht über unsere Bett- und Schlafgewohnheiten eine persönliche Grenze überschritten? Oder meine schwangeren Freundinnen öffentlich vorgeführt? Die Frage, wie viel ich preisgeben wollte, trieb mich um.

Ein Shitstorm der Superlative

Rückblickend sind es die sehr persönlichen Texte, die mir in Erinnerung bleiben. Sie gehören zu den mutigen, es sind jene ohne doppelten Boden. Der Text über meine anfängliche Überforderung als Alleinerziehende mit einem Baby etwa. Der Beschrieb des Kinderarztes, der sich gegen Gewalt gegenüber Kindern aussprach und zugab, sein eigenes mehrmals geschlagen zu haben. Die Texte jener Mütter, die noch vor «Regretting Motherhood» deren Verzweiflung, Ängste und fehlende Muttergefühle beschrieben – ja, eine Frau aus Mangel an Mutterliebe ihre Familie gar verliess.

Diese Postings «Eine Mutter geht» und «Die Mutterhölle» kratzten an einem Tabu. Etliche Medien nahmen das Thema auf. Ich erhielt noch ein Jahr danach Mails und Briefe von Frauen, einige schon im Pensionsalter, die sich bedankten «und sich endlich ein wenig verstanden fühlten».

In der Kommentarspalte dagegen gingen die Emotionen hoch, die Meinungen dazu waren gespalten: Sie reichten von Bewunderung für die Offenheit der Autorinnen bis hin zur Verurteilung und Beschimpfung der Frauen. Ein Leser schrieb: «Auch nach zehnmaligem Lesen bin ich extrem gespalten, ob ich dieser Frau für ihren Mut auf die Schulter klopfen soll/will oder ob ich für ihre Aussage einfach nur Unverständnis habe.»

Reaktionen wie diese freuten mich. Erschreckend hingegen waren solche wie vor drei Jahren, als ein Shitstorm über eine Kollegin hereinbrach und wir nicht wussten, wie uns geschah. Eine Mutter zweier Kinder, erfolgreiche Journalistin und alleinerziehend, hatte über Anbändelungsversuche von Männern berichtet und wie sie diese wahrnahm. Der Text ging durch die Decke und ich durch die Hölle. Die Haters aller Welt schienen sich innert zweier Stunden zusammengetrollt zu haben, und mehrere Hundert sexistische und beleidigende Kommentare waren wegen eines Systemfehlers veröffentlicht worden. Ich löschte sie, anonymisierte den Text nachträglich und deaktivierte die Kommentarfunktion für jenen Beitrag.

Adieu und alles Gute!

Nie wieder sollte so etwas vorkommen. Seither schalten Freischalter die Kommentare einzeln frei, was für die Diskussion in der Kommentarspalte mühsam sein kann. Hin und wieder dauert es ein Weilchen, bis ein Kommentar aufgeschaltet ist. Der Redaktion jedoch gibt es die Gewissheit, dass kaum ehrverletzende oder rassistische Voten auf der Seite landen – und unsere Autorinnen und Autoren besser geschützt sind.

Nur so werden auch weiterhin Menschen im Mamablog ihre Gedanken, Gefühle und Ansichten äussern und ein Stück weit die Hosen runterlassen. Indem sie ihre Sorgen und Freuden, Probleme und Lösungen, Provokationen und Expertisen mit uns teilen.

Ich sage Ihnen an dieser Stelle Adieu. Nach 250 Postings ist es für mich Zeit, etwas anderes zu tun und weiterzuziehen. Die letzten sieben Jahre waren bereichernd, lehrreich und inspirierend. Ich freue mich, den Mamablog einer Kollegin anzuvertrauen, die ich sehr schätze, deren Namen ich aber leider noch nicht bekannt geben darf. Sie übernimmt die Leitung ab Juli, derzeit befindet sie sich im Mutterschaftsurlaub. Für die Zeit dazwischen wird Katharina Graf zuständig sein, sie leitet die Blogs ab kommender Woche. Meinen Kolleginnen und Ihnen wünsche ich alles Gute!

Herzliche Grüsse, Gabriela Braun

*

Liebe Leserinnen und Leser

Es fällt uns nicht leicht. Aber wir müssen eine ausgezeichnete Journalistin und Blog-Chefin ziehen lassen. Mit dem heutigen Posting verabschiedet sich unsere Kollegin Gabriela Braun, die seit 2013 das Blog-Ressort der Newsnet-Titel leitete und als Autorin im Mamablog schrieb. Gabriela Braun hat in dieser Zeit unser Blog-Angebot entscheidend geprägt. Ganz besonders den Mamablog. Sie tat dies als Schreiberin, aber auch als Teamleiterin. Sie konzipierte Schwerpunkt-Wochen, sie gewann spannende Schreiberinnen und Schreiber und sie entwickelte neue Gefässe und Formate. Gabriela Braun machte es mit ihrem grossen Können und ihrer journalistischen Leidenschaft möglich, dass sich unsere Blogs weiterentwickeln konnten und ihre führende Stellung in der Schweizer Online-Publizistik behauptet haben. Wir bedanken uns dafür herzlich und wünschen Gabriela Braun viel Erfolg im neuen Job. Und hoffen still, sie werde das eine oder andere Mal als Gast wieder für uns schreiben. Möglichst bald.                                                     

Michael Marti, Mitglied der Chefredaktion Tamedia

Postings unserer Jubiläumswoche:

20 Kommentare zu «Highlights und ein Höllentrip»

  • Enrico sagt:

    Sie schlagen ja sogar Fox News im Zensurieren und Gott spielen.
    Also jeder , der Frau Braun nicht soooooo toll findet, ist ein hater.
    Wenigstens trauert hier im Blog niemand um .Frau Braun.
    Was ja in sich Hoffnung birgt. Einzig die Verwunderung aller, das hier alles zensuriert wird, ist Thema.
    Also bringt endlich eine emanzipierte, reflektionsfähige Frau !

  • Doris sagt:

    Danke Frau Braun. Genau so toll wie Ihr nun leider letzter Beitrag waren die vielen Beiträge der letzten Jahre. Gescheit geschrieben, mit Gefühl und Sachverstand. Und vor allem zum Nachvollziehen. Ich danke Ihnen für Ihr tolles Schaffen, das mich auch als ü-60 und auch einmal junge Mutter jedes Mal begeisterte.

  • Othmar Riesen sagt:

    Liebe Frau Braun: nur schon ihr Abschiedsblog ist wunderbar! Ganz herzlichen Dank für alles, was Sie geschrieben, angeregt und ermöglicht haben. Wo auch immer sie hin gehen: der Weg ist das Ziel! Und die Leute in Ihrem neuen Umfeld sind lucky guys!
    Was das Freischalten anbelangt, habe ich zwei Seelen in meiner Brust. Einerseits würde ich am liebsten auf Kommentarspalten verzichten (so wie die NZZ es erfolgreich macht). Denn Kommentare wie jene von Skipapi und die Diskussionen darum herum sind zum Fremdschämen. Anderseits schätzte ich es immer wieder sehr, wenn S i e in die Diskussion eingriffen.
    Alles Gute und beste Grüsse,
    O.R.

  • Blog-Redaktion sagt:

    Charmant. Kaum erwähnt man Trolle, schon sind sie da. Es tut mir aufrichtig leid, dass sich gewisse Leute heute morgen in der Kommentarspalte unschön in Szene setzten. Weil wir ihnen keine Plattform bieten wollen, habe ich den betreffenden Thread gelöscht. /gb

  • 13 sagt:

    Liebe Frau Braun!
    Herzlichen Dank für die Arbeit und die Beiträge! Ich bin ja schon gespannt, wer die Nachfolgerin wird. Ihnen alles Gute.

  • Stefan W. sagt:

    Ich gehöre zwar nicht zur Stammbelegschaft des Kommentar-Stammtischs hier, habe aber doch immer mal wieder mitgelesen oder sogar Kommentare geschrieben, und mich auch schon gewundert, wieso einer nicht publiziert wurde. Es scheint wohl doch auch noch andere Kriterien für die Sperrung bzw. Freigabe zu geben, als beleidigender oder justiziabler Inhalt. Immerhin, die Sperrquote scheint niedriger zu sein als anderswo, und dass die Autorinnen und Autoren die Kommentare teils auch lesen und beantworten, ist eine lobenswerte Besonderheit. Ein Meinungsblog lebt ja davon, dass man auch anderer Meinung sein kann.
    (Ebenso-)Viel Freude beim nächsten Werk wünsche ich Frau Braun!

  • Brunhild Steiner sagt:

    Jedenfalls, alles Gute für Sie und dass die Dinge rund laufen werden, ob beruflich, familienlebenmässig oder ganz privat-persönlich 😀

  • Brunhild Steiner sagt:

    Ich schätze die Aufklärung bezüglich Aufschaltungsmodus, aber hätte mir sehr gewünscht dass dies viel zeitnaher, am Besten als Standartinfo unterhalb des „Sendebuttons“ gesetzt wäre.

    Und…, interessant wäre es schon mal die persönlichen Haltungen/Masstäbe dieser Gatekeepers zu erfahren. Was es trotz dieser Kontrolle durch schafft, und was aussortiert wird ist manchmal nicht wirklich nachvollziehbar.

    • Reincarnation of XY sagt:

      Dem kann ich mich nur anschliessen.
      Es ist verständlich, aber manchmal nicht nachvollziehbar.
      Aber hey, trotzdem Danke für den Job. Ist bestimmt auch nicht immer einfach.

      • Blog-Redaktion sagt:

        Danke, ich werde Ihren Input an meine Kollegin weiterleiten, die für den Kommentar- und Community-Bereich zuständig ist; sie wird sich die Sache anschauen. Ich muss gestehen, auch ich habe hin und wieder gestutzt, was freigeschaltet wurde – und allenfalls nachträglich reagiert. Doch bei täglich mehreren tausend Kommentaren, die auf Newsnet.ch abgegeben werden, kann es schon mal vorkommen, dass bei den Freischaltern ein Kommentar durchrutscht, der nicht hätte veröffentlicht werden sollen. /gb

  • Brunhild Steiner sagt:

    Und die Freischalter lassen den falschen Sportpapi ohne weiteres durch?

    • Gioia sagt:

      @13: Dieser Post gehört in die untere Schublade und wird trotzdem ohne weiteres durchgelassen.
      Warum man aber bei einem solchen Vielschreiber wie Sportpapi nicht jeweils kontrolliert, ob es „der Richtige“ ist, erschliesst sich mir auch nicht.

    • Random Guy sagt:

      @ falscher Sportpapi: Made my day!

  • Sportpapi sagt:

    Ach, wieder mal so ein Scherzkecks. Liebe Redaktion – meine Mailadresse ist bekannt, eine andere verwende ich nicht. Wäre es möglich, solche Beiträge unter meinem Namen jeweils nicht zu publizieren?
    Ich wünsche Gabriela Braun alles gute und viel Erfolg bei ihren neuen Aufgaben. Herzlichen Dank für viele anregende Stunden!

    • 13 sagt:

      „Unter meinem Namen“… Selten so gelacht! Sei froh, Sportpapi, dass deine Trolls meistens die geistreicheren Posts verfassen als du.

    • Hans Meier sagt:

      Wieso sollten andere unter „ihrem“ Namen posten, Sportpapi? Was hätten die davon? Kann es nicht vielmehr ihr eigener Geltungsdrang sein, der sie bewegt, sich selbst zu karikieren?

    • Sportpapi sagt:

      @Hans Meier: „Wieso sollten andere unter „ihrem“ Namen posten, Sportpapi? Was hätten die davon?“ Gute Frage.
      „Kann es nicht vielmehr ihr eigener Geltungsdrang sein, der sie bewegt, sich selbst zu karikieren?“ Ja, alles ist möglich.
      Und was war jetzt der Beweggrund für Ihre Stellungnahme?

    • Reincarnation of XY sagt:

      13 – hier muss ich Ihnen widersprechen.
      Finde ich gar nicht ok.
      Kommt mir fast so vor, als wären Sie auch eine falsch 13.

      Man kann ja persönlich verschiedener Meinung in vielem sein. Aber ich finde immer, die Anständigen sollten zusammenhalten in solchen Situation.
      Das wünschte ich mich in Zukunft etwas mehr im MB. Dass man bei Troll-Angriffen etwas mehr Loyalität zeigt, zu den langjährigen Gesprächspartnern.

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