Babys im Handystress?

Welche Auswirkung hat unsere Handynutzung auf die Eltern-Kind-Beziehung? (Foto: iStock)

Mal einen Blick aufs Handy werfen, nur kurz: Hat jemand auf Whatsapp eine Nachricht hinterlassen? Was ist die Uhrzeit, und wann war noch mal der Arzttermin? Zu den Fotos, auf zwei Bilder klicken und weiterschicken. Die Mails aktualisieren und News überfliegen – und, ach ja, die Rezepte-App. Vielleicht erhält man eine Idee, was man abends kochen soll. Dann der Blick zum Baby in der Wippe. «Hey, meine Kleine, gehts dir gut?»

Die Situation ist alltäglich, Smartphones sind in unserem Alltag allgegenwärtig. Doch was, wenn dieses Szenario immer wieder so abläuft? Man alle paar Minuten aufs Smartphone schaut? Wie sich die Nutzung von Smartphones durch Mütter und Väter auf die Eltern-Kind-Beziehung auswirkt, diese Frage wurde wissenschaftlich bislang kaum geklärt. Die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) will dies nun in folgender Studie untersuchen: «Smart Start – Wie nutzen werdende Eltern ihr Smartphone?» Die Studie widmet sich dem Einfluss der elterlichen Smartphone-Nutzung auf die Eltern-Kind-Beziehung in den ersten Wochen und Monaten nach der Geburt.

Kleine Kinder sind auf direkte Reaktionen angewiesen

Diese Zeitspanne ist deshalb interessant, weil in der ersten Lebensphase die frühkindliche Bindung entsteht. Fühlt sich ein Kind während der ersten drei Lebensjahre aufgehoben, geliebt und akzeptiert, hat es das Kind gemäss Bindungsforschern danach im Leben einfacher. Ein wesentlicher Faktor für den Aufbau einer sicheren Bindung ist dabei der Augenkontakt. Agnes von Wyl, Professorin für Klinische Psychologie und Projektleiterin der Studie, sagt: «Kinder orientieren sich am allerliebsten an Gesichtern. Sie lieben es, Mimiken zu studieren und Beziehungen zu Menschen herzustellen.»

Wie stark kleine Kinder auf direkte Reaktionen und Blickkontakt angewiesen sind, zeigen Studien, die mit depressiven Müttern durchgeführt wurden. Die Mütter zeigten gegenüber ihren Babys und Kleinkindern wenig Interaktion. Ihr Gesichtsausdruck war abwesend, sie schauten an ihren Kindern vorbei. Auch erst drei Monate alte Babys reagierten gestresst: Sie begannen zu brabbeln, mit Armen und Beinen zu rudern und die Mütter zu fixieren, um mit ihnen Kontakt aufzunehmen.

Hilfe, Mama reagiert nicht

Der US-Entwicklungspsychologe Edward Tronick simulierte die Situation mit gesunden Müttern und Vätern und ihren Babys. Der Versuch wurde als «Still Face Paradigma» bekannt: Die Eltern begegnen ihrem Kind zunächst freundlich und zugewandt. Dann wenden sie sich kurz ab und zeigen für zwei Minuten ihr «eingefrorenes» Gesicht. Sie gehen nicht auf die Bemühungen des Kindes ein, mit ihnen Kontakt aufzunehmen. Die Babys reagierten vergleichbar wie jene Babys mit den depressiven Müttern. Erst als die Eltern wieder auf das Kind eingingen, sie berührten und lachten, beruhigten sie sich und wurden wieder fröhlich.

Erklärungen zum Still-Face-Experiment von und mit Edward Tronick (Quelle: Youtube)

Ob es Kindern ähnlich ergeht, deren Eltern regelmässig auf ihr Smartphone schauen? Professorin von Wyl wird mit ihrem Team achtzig werdende Elternpaare ab Schwangerschaft begleiten, um sie über ihren Umgang mit Smartphone und Tablet zu befragen. Zwei und drei Monate nach der Geburt des Kindes geben die Eltern abermals Auskunft. Dies geschieht mittels Fragebogen. Ein Teil der Eltern wird mit ihren Kindern gefilmt, um zu sehen, wie sie miteinander interagieren; auch Interviews werden gemacht. Mit den Auswertungen wollen die Forscher womöglich einen Ratgeber entwickeln.

Agnes von Wyl erhofft sich von den Studienergebnissen einen Anstoss, wie Erwachsene ihr Verhalten anpassen können. Die Studie solle helfen, die Kompetenz der Eltern mit dem Smartphone zu fördern. «Smartphones gibt es erst seit 13 Jahren, doch der Umgang damit hat bestimmt Auswirkungen auf unser Verhalten.» Mütter und Väter sollten sich dieser Problematik bewusst sein.

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Elternpaare für Studienteilnahme gesucht

Sind Sie bereit, Auskunft zu geben? Über Ihre Erfahrungen im Umgang mit dem Smartphone und über Ihre Meinung, inwiefern der Gebrauch des Geräts einen Einfluss auf Ihre Beziehung zum Kind hat? Im Verlauf des Projekts werden teilnehmende Eltern dreimal befragt: Vorgesehen sind Interviews, ein Fragebogen und eine kurze Video-Aufzeichnung. Alle Angaben werden vertraulich und anonymisiert behandelt. Weitere Informationen zur Studie und die Möglichkeit zur Anmeldung finden Sie hier.

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