Was tun, wenn das Kind kein Gemüse isst?

Bäh!? «Immer wieder Gesundes zum Probieren anbieten», empfehlen Ernährungsfachleute. (Foto: iStock)

Schnipo, Chicken Nuggets mit Ketchup, Pizza, Fischstäbli, Wienerli, Burger, Teigwaren – wenn Kinder wählen dürfen, zieht gesunde Ernährung den Kürzeren.

«Man merkt genau, was in den Familien zu Hause auf den Tisch kommt», sagt die Mitarbeiterin eines Kinderhorts, die anonym bleiben möchte. Was ihr die Knirpse bisweilen erzählen, lässt Ernährungsapostel erschaudern: Da gebe es zum Beispiel Primarschüler, die sich für 40 Franken Süssigkeiten kaufen dürfen – weil die Mutter keine Lust habe, zu kochen.

«Andere essen beim Zmittag im Hort nur Teigwaren – kein Gemüse, keinen Salat.» Warum? «Weil es daheim immer nur Fertiggerichte gibt. Das prägt den Geschmack bei den Kindern.»

Die ersten acht Lebensjahre sind prägend

Die Vorliebe für Süsses und Hochkalorisches ist dem Menschen angeboren – diejenige für Gesundes dagegen muss erst erworben werden. Rund acht Jahre haben die Kinder (und ihre Eltern) dafür Zeit. Danach sind die meisten Ernährungsgewohnheiten festgelegt.

Hinzu kommt: Kinder brauchen im Vergleich zu Erwachsenen von manchen Mikronährstoffen grössere Mengen. So sollten Sieben- bis Neunjährige beispielsweise 900 Milligramm Calcium pro Tag (für Knochen und Zähne) aufnehmen, das sind nur 100 Milligramm weniger, als Erwachsenen empfohlen wird.

Kinder können den relativ höheren Bedarf an bestimmten Mineralien und Vitaminen mit einer ausgewogenen Ernährung decken, sagt Stéphanie Bieler, Fachexpertin Ernährung bei der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung (SGE). Eine Ausnahme kann allenfalls Vitamin D sein. Weitere Ergänzungsmittel oder mit Vitaminen angereicherte Lebensmittel sind in der Regel nicht nötig.

Wie also bringt man Vitamine, gesunde Pflanzenstoffe, Mineralien in kleine Kinder? Wie weckt man in ihnen vielleicht sogar die Lust auf gesundes Essen?

Die 12 Tipps der Kinderbetreuerin:

  1. Kinder zum Einkaufen mitnehmen und zum Beispiel die Früchte auswählen lassen, die später verspeist werden sollen.
  2. Kinder beim Zubereiten mitmachen lassen. «Hafer quetschen ist das Highlight bei uns im Kinderhort. Das Müesli mit selbst gepressten Flocken kommt viel besser an als gekauftes.» Auch Müesliriegel ohne Zucker schmecken – weil die Kinder selbst ausgewählt haben, was sie anstelle von Zucker zum Süssen verwenden und weil sie die Riegel anschliessend selbst backen durften.
  3. Wissen zur Ernährung vermitteln. «Wenn die Kinder zum Beispiel hören, wie viel Zucker in Ketchup enthalten ist, sinkt die rote Sauce in ihrer Beliebtheitsskala», weiss die Kinderbetreuerin.
  4. Das Auge isst mit. «Liegen die Äpfel einfach nur so auf dem Tisch, interessiert sich kaum ein Kind dafür. Sind sie aber schön geschnitten angerichtet, greift jedes zu.» Auf dem Käsebrot helfen zwei Cocktailtomaten als «Augen», ein Stückchen Rüebli als Nase und ein Gurkenstückchen als Mund, um ein paar Vitamine ans Kind zu bringen. «Das wird dann mitgegessen.»
  5. «Oft sagen die Kinder, sie mögen etwas nicht, obwohl sie es gar nicht kennen. Oder sie kennen es nur in einer Form. Dann kann man eine andere Art der Zubereitung probieren», rät die Kinderbetreuerin. Anstelle von gekochtem Broccoli zum Beispiel Broccolisuppe oder Tomatensauce anstatt roher Tomaten. «Wenn man eine gute Beziehung zum Kind hat, glaubt es einem, dass Broccolisuppe anders schmeckt als ganzer Broccoli und probiert sie wenigstens.»
  6. Nicht aufgeben. Der Geschmack von Kindern ändert sich – manchmal sogar von einem Tag auf den anderen – und lässt sich auch prägen. «Immer wieder Gesundes zum Probieren anbieten», empfehlen Ernährungsfachleute. Oft ebnen beispielsweise leicht süss schmeckende Erbsen oder Süssmais den Weg für weitere Gemüsesorten.
  7. In bestimmten Dingen keine Wahl lassen. «Zu Trinken gibt es bei uns im Hort ausschliesslich Wasser oder ungesüssten Tee. Limonade und Säfte bekommen die Kinder nur zu besonderen Anlässen, etwa bei der Halloween-Party.» Ein anderes Beispiel ist der mit klein geschnittenen Früchten selbst gemachte Fruchtjoghurt zum Zvieri: «Manchen Kindern ist er zu wenig süss. Aber es nützt nichts, wenn sie monieren – die Küche ist um diese Uhrzeit bereits geschlossen und der Koch schon zu Hause. Pech gehabt.»
  8. Gesundes unterjubeln. Wer die Hälfte der Getreideprodukte durch Vollkornvarianten ersetzt (Vollkornbrot, -teigwaren, -flocken) erhöht damit die Zufuhr an Mineralien, Vitaminen und Ballaststoffen. Ein anderer Trick: «Schwimmen in der Suppe Gemüsestücke, fischen manche Kinder sie heraus. Ist das Gemüse dagegen püriert, klappt das nicht», sagt die Hortbetreuerin. Auch Lasagne mit Gemüse anstelle von Hackfleisch ist ein Trick: «Die Kinder merken den Unterschied, aber sie wird trotzdem gegessen.»
  9. Leicht übergewichtige Kinder bekommen nur noch Salat, wenn sie einen Nachschlag möchten. «Erstaunlicherweise nehmen sie das hin und essen ihn.»
  10. Vorbild sein. Wie gross sind die Portionen, die sich jeder schöpft? Welchen Stellenwert hat die gemeinsame Mahlzeit im Familienkreis? Findet das Essen in freundlicher Atmosphäre statt, frei von Ablenkungen? Was essen Vater, Mutter und andere Vorbilder? «So banal es klingt: Erwachsene müssen mit gutem Beispiel vorangehen. Wenn Gemüse und Früchte ganz selbstverständlich am Tisch dazugehören und von allen gegessen werden, wird es einfacher, die Kleinen ebenfalls davon zu überzeugen. Aber wenn die Erwachsenen zum Nachmittagskaffee Guetsli essen, darf man sich nicht wundern, wenn die Kinder den Apfel verschmähen, der Ihnen gleichzeitig vorgesetzt wird», sagt Stéphanie Bieler.
  11. Essen sollte weder als Belohnung noch als Trost oder Strafe eingesetzt werden. Andernfalls verknüpft das Kind damit unter Umständen Gefühle, die später zu einem falschen Essverhaltensmuster beitragen.
  12. «Kinderlebensmittel» sind meist teurer als andere Produkte und überdies unnötig. Auch was scheinbar gesund tönt, ist es nicht unbedingt. «Manche Frucht-Quetschbeutel enthalten zusätzlich Fruchtsaftkonzentrat und damit einen erhöhten Zuckeranteil. Und auch wenn das nicht der Fall ist, geht eine solche Ernährung in die falsche Richtung», sagt Regina Ensenauer, Leiterin des Instituts für Kinderernährung am Max-Rubner-Institut in Karlsruhe. Beim Füttern eines Babys mit dem Löffel finde erstens viel mehr soziale Interaktion statt, als wenn das Kind einfach den pürierten Inhalt aus dem Quetschbeutel sauge. Zweitens trainiere der Löffel auch die Mundmotorik.

Für Ensenauer beginnt die gesunde Ernährung des Kindes bereits in der Schwangerschaft. «Das Kind im Mutterleib schluckt täglich etwa 500 bis 1000 Milliliter Fruchtwasser. Und bereits am Ende des ersten Schwangerschaftsdrittels werden die Geschmacksknospen angelegt», legt sie dar. Übers Fruchtwasser erhält das Kind also bereits einige Aromen und Eindrücke von der späteren Ernährung «draussen». Auch das Stillen helfe: «Gestillte Kinder akzeptieren später im Allgemeinen eine grössere Geschmacksvielfalt.»

Weitere interessante Postings zum Thema: