Erziehungstipps? Nein, danke!

Gemeinsam unter einer Decke: Letztlich ist Erziehung Familiensache und sehr individuell. (Foto: iStock)

Schatz, lies das mal! Meine Frau schickt mir regelmässig Links zu Erziehungsratgebern, in denen Wissenschaftlerinnen, Mütter, Väter und Pädagogen erklären, wie die Trotzphase – Entschuldigung, die Autonomiephase – am besten zu überstehen sei. Oder wie die Kleinen so schnell wie möglich dem Nuggi entwöhnt werden können. Drei oder vier Tage später fragt sie dann subtil nach: «Und?»

«Äh, und was?»

Meistens muss ich dann kleinlaut zugeben, dass ich die Lektüre versäumt habe. Nicht ohne Grund: Es kommen mir mindestens 1001 Dinge in den Sinn, mit denen ich mich lieber beschäftige als mit Erziehungstipps. Ganz egal, ob sie von Ratgeberpäpsten wie Remo Largo oder Jesper Juul stammen, oder – ohne das werten zu wollen – von der bloggenden Nachbarin.

Kinder und Katar

Als naiv-optimistischer Gutmensch gehe ich einfach davon aus, dass sich meine Kinder so entwickeln, wie sie es für richtig halten. In ihrem Tempo. Sie werden von sich aus trocken, sie schlafen von sich aus durch und geben von sich aus den Nuggi ab. Ich bin sicher, dass die Vergabe einer Fussballweltmeisterschaft nach Katar beeinflussbarer ist als die Entwicklungsschritte von Kindern. Warum sollte ich ihnen also den Nuggi wegnehmen, wenn sie noch nicht bereit dazu sind?

Das klingt jetzt, als würde ich die Kleinen grundsätzlich einfach machen lassen. Aber meine Frau und ich erziehen sie überhaupt nicht nach der Laisser-faire-Methode. Die Schlafenszeit, wann der Fernseher ausgeschaltet wird oder dass vor dem Essen die Hände gewaschen werden müssen, bestimmen wir und nicht sie – auch wenn sie damit nicht immer einverstanden sind. Ich bezweifle nur, dass mir irgendein Ratgeber dabei hilft, einen unangenehmen Entscheid durchzusetzen. Sei standhaft, müsste wohl drinstehen. Und fertig ist der Ratgeber; die restlichen 300 Seiten kann man sich schenken.

Ob Erziehung besser oder schlechter funktioniert, hängt – davon bin ich überzeugt – stark von der Persönlichkeit eines Kindes ab. Ich sehe das an unseren grundverschiedenen Zwillingen. Beim Essen sollen sie etwa ruhig sitzen oder nicht mehr im Befehlston «Du sollst» sagen. Während Felix meist auf uns hört, klappts bei Bastian weniger gut. Mittlerweile ist es schon so weit, dass Felix seinen Bruder korrigiert, wenn dieser mal wieder «Du sollst mir etwas holen» sagt. «Bästi, säg ‹chasch du mir bitte öpis hole›».

Getrötzelt wird ein Leben lang

Aus solchen Gründen halte ich die Ratgebermaschinerie für reine Geld- und Angstmacherei, die Eltern eher verunsichert als stärkt. Nichtsdestotrotz – ich bin nebst meiner Gutgläubigkeit auch brutal inkonsequent – habe auch ich einen Rat an Eltern parat: Habt Vertrauen zu euch selbst und zu euren Kindern. Und: Getrötzelt wird ein Leben lang. Das tun auch wir Erwachsenen noch – etwa, wenn wir die Leseempfehlungen des Partners gekonnt ignorieren.

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