Ein völlig irres Experiment!

Das Leben als Eltern stellt alles auf den Kopf: Szene aus «Away We Go». (Foto: Focus Features/Alamy)

Als das Kind noch ganz klein war, wenige Wochen oder vielleicht sogar Tage klein, musste ich in einer verzweifelten Nacht an das Tamagotchi denken, welches ich Mitte der 90er nie besessen hatte. Wie beängstigend, befand damals mein etwa zehnjähriges Ich: So ein kleines Ding, das immer wieder piept und etwas von dir will, und du musst erraten, was das sein könnte, und wenn dus nicht in nützlicher Frist rausfindest, dann stirbt es.

Und nun sass ich da, zwanzig Jahre später, und dachte genau das Gleiche – nur war das Ding im Arm ein echtes Kind, und ich war kein Kind mehr, und das Kind wollte etwas von mir, und ich hatte keine Ahnung, was.

Es durchfuhr mich wie ein Blitz: Das ist ein völlig irres Experiment hier, und die Versuchsleitung kann jetzt gerne kommen und den Mann und mich gefälligst instruieren oder entlassen oder einfach schlafen lassen, schlafen, SCHLAFEN, wir machen dann bei Gelegenheit weiter, wenn wir bereit sind, also bereiter, irgendwann.

Nicht bereiter, nur müder

Das ist nun schon ganz bald ein Jahr her, und dann feiert das Kind seinen ersten Geburtstag. Der Mann und ich, wir wurden nicht bereiter, nur müder, immer müder. Aber das Kind, es wuchs, und es machte alles irgendwann und irgendwie zum ersten Mal, und wir wuchsen mit ihm und machten auch alles irgendwann und irgendwie zum ersten Mal.

Alles immer anders, rasend schnell

Wenn sich Ereignisse zum ersten Mal jähren, grosse Lebensereignisse, besonders schöne oder traurige oder einfach solche, nach denen das Leben eindeutig ein anderes ist als zuvor, dann spürt man das irgendwie in der Luft. Man erinnert sich an die Zeit, als ob sie gerade in diesem Moment wieder wäre. Dann wird einem klar, wie endlich diese Angelegenheit hier ist – wie alles vorbeigeht und immer wieder anders wird. Rasend schnell. Und wie man nicht festhalten, nicht anhalten kann, keinen Moment, nie.

Noch nie ist mir diese Tatsache so heftig eingefahren wie in diesem ersten Lebensjahr des Kindes.

Erst noch…

Erst noch war ich schwanger, kaufte die ersten Tulpen des Jahres und die ersten winzigen Windeln. Ich legte sie mit klopfendem Herzen in die ansonsten noch leere Babykommode. Erst noch fragte ich mich, ob eine Geburt denn wirklich so wehtun kann (ja) und wie Stillen wird (anstrengender als alles, was ich je gemacht habe) und ob ich mich dabei auch so glücklich und high fühlen werde, wie ich dies manchenorts gehört und gelesen hatte (nein.)

Erst noch strichen der Mann und ich den Flur neu und unser Schlafzimmer und installierten sämtliche Lampen in unserer Wohnung. Nur am Kinderzimmer, da machten wir nicht so viel, weil wir uns bis zum Schluss nicht so recht trauten. Das braucht ja fast nichts am Anfang, das Kind, sagten wir zueinander. Nur uns.

Bitte, liebes Universum

Erst noch machten wir uns auf den Weg ins Spital, wohlwissend, dass wir die Wohnung gerade das letzte Mal ohne Kind abschlossen, hoffentlich, bitte, liebes Universum, mach, dass wir da zu dritt und heil wieder hereinkommen, danke.

Und dann kam das Kind tatsächlich, und wir weinten und fühlten, wie wir noch nie zuvor im Leben geweint und gefühlt hatten, und das ist einer dieser Momente, den könnte ich fester nicht halten wollen. Doch er kommt nicht zurück, nie. Und seither ist alles auf eine Weise anders, dass es mir immer wieder mal die Luft nimmt, wie in dieser Nacht, ganz am Anfang. Und sobald ich denke, jetzt ist es mal so, wie es eine Weile bleiben wird, ist auch das schon wieder vorbei.

Das ist ein völlig irres Experiment hier! Wir machen dann mal weiter.

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