Geh nicht mit Fremden mit!

Mamablog

Damit Kinder sich Annäherungsversuchen von Erwachsenen verweigern können, brauchen sie ein gesundes Selbstvertrauen. Foto: iStock

Seit die Kleine alleine in den Kindergarten geht, gibt es Aufklärungsbedarf. Wie bringen wir dem Kind bei, dass es nicht mit Fremden mitgehen darf? Das Thema ist heikel, denn ich möchte mit meiner Tochter darüber sprechen, ohne sie zu ängstigen. Ich möchte nicht, dass sie eine misstrauische Person wird, nur weil es da draussen neben Tausenden von gutherzigen Menschen vielleicht jemanden gibt, der schlechte Absichten hat.

Ich gehe in die Bibliothek und blättere in Bilderbüchern zum Thema. Das Buch «Ich geh doch nicht mit jedem mit!» geht auf die Frage ein, wer denn eigentlich ein Fremder oder eine Fremde ist – für ein Kind ist das gar nicht simpel. Ist die Mutter eines Gspänlis, die wir nicht kennen, eine Fremde? Ist der Nachbar, den wir zwar schon oft gesehen, mit dem wir aber kaum gesprochen haben, ein Fremder? Das Kind soll mit niemandem mitgehen, wenn es nicht vorher mit den Eltern besprochen wurde.

In anderen Bilderbuchgeschichten geht es um das richtige Verhalten, wenn ein Fremder das Kind anspricht – etwa in «Bei Fremden sag ich immer Nein»: Nie mit Fremden mitgehen, auch wenn Lego-Klötze oder ein herziges Hündli versprochen werden. Unhöflich sein und wegrennen. Jemanden zu Hilfe holen, den man kennt. Schreien, wenn man gepackt wird.

Das richtige Verhalten mit dem Kind zu besprechen, ist wichtig. Doch genauso unerlässlich ist etwas, das schon bald nach der Geburt beginnen sollte: Das Kind so zu erziehen, dass es mit einem gesunden Selbstvertrauen heranwächst. Kinder, die ihre eigenen Grenzen kennen gelernt haben und wissen, dass es in Ordnung ist, Nein zu sagen, wenn man etwas nicht will, sind weniger gefährdet, Opfer eines sexuellen Übergriffs zu werden. Sehr gut ist dieses Bilderbuch dazu: «Jetzt ist Schluss, ich will keinen Kuss».

Meist ist der Täter kein Unbekannter

Ein gesundes Selbstvertrauen kann auch ein Schutz sein gegen sexuelle Übergriffe durch eine Person im sozialen Umfeld. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass ein Fremder das Kind auf dem Schulweg abfängt, ist ungleich kleiner, als dass es von einem Verwandten, Nachbarn oder Sporttrainer missbraucht wird. Leider steigt auch diese Gefahr mit dem Kindergarteneintritt, denn von nun an ist das Kind nicht nur auf dem Schulweg immer häufiger ohne die Eltern unterwegs.

Die schwierigste Kinderfrage bleibt nach meinen Recherchen in Bilderbüchern und auf Internetseiten aber offen: «Warum?», will meine Kleine wissen, «warum will mich jemand mitnehmen?» Wie erklärt man einer Fünfjährigen die möglichen Beweggründe eines Kindsmissbrauchers? Wie redet man über jene Dinge, an die man selbst nicht einmal denken mag?

Möglichst ehrlich sein

Ich spreche mit Gisela Niederwieser darüber. Die Fachpsychologin für Kinder und Jugendliche mit Praxis in Rüschlikon plädiert für Ehrlichkeit: «Ich finde, man sollte auf altersgerechte Weise erklären, was sexueller Missbrauch ist.» Man könne mit der Frage einsteigen, ob das Kind schon einmal von Sex gehört hat. «Manche Kinder haben schon Erfahrungen mit ihrer eigenen Sexualität gemacht», sagt Niederwieser, und da sei es wichtig, zu erklären, dass erwachsener Sex anders und nichts für Kinder ist. «Dass es aber Erwachsene gibt, die Sex mit Kindern haben wollen – und dass das nicht in Ordnung ist.»

Das Thema «nicht mit Fremden mitgehen» sei eine gute Gelegenheit, mit dem Kind über sexuellen Missbrauch zu sprechen, findet die Psychologin. «Aber es braucht Fingerspitzengefühl: Man sollte nur so viel erzählen, wie das Kind wissen will. Wenn es nicht mehr nachfragt, hört man auf.» Das Wichtigste sei ohnehin, dem Kind beizubringen, dass kein Erwachsener über seinen Körper verfügen darf. Damit könne man nicht früh genug anfangen.

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