Best of: Wenn man die Ex des Sohnes vermisst

Unsere Bloggerinnen und Blogger geniessen derzeit die Feiertage. Wir publizieren deshalb heute diesen Beitrag vom 8. Mai 2018, der besonders viel zu reden gab.

Man öffnet sein Herz und gewinnt eine temporäre Tochter – und plötzlich ist sie weg, ohne Vorwarnung, ohne Abschied. Foto: iStock

Die Kinder werden älter, und irgendwann verpaaren sie sich. Dann gewinnt man neue Kinder dazu. Sind die Herzen offen, dann mag man einander wirklich gern und nach einer Weile gehören die Schwiegerkinder zur Familie. Das ist eine grosse Bereicherung. Durch meine zwei Söhne wurden mir unbekannte junge Frauen zu Beinahe-Töchtern. Die «Neuzuzüger» in der Familie will ich möglichst herzlich und akzeptierend aufnehmen. Daran liegt mir viel, habe ich es in jungen Jahren doch anders erfahren.

Die neue Tochter kommt mit dem Sohn, sei es zur Weihnachtsfeier oder zum vierzehntäglichen Nachtessen, mit. Oft ist sie es, die noch ein wenig bleiben und quatschen möchte, wenn der Junge schon unruhig wird, immer wieder auf die Uhr sieht und langsam aber sicher aufbrechen will. Manchmal fragen mich die jungen Frauen um Rat oder erzählen mir von ihren Sorgen. Manchmal kann ich ihnen ein wenig Mutter sein, manchmal lächeln wir uns wissend zu und schütteln leicht den Kopf über die Macken des Sohnes. Manchmal verstehen wir uns einfach, vereint in Liebe um dieses junge Mannswunder oder im Rätseln, wie er das jetzt wohl wieder meint oder warum er so selbstbewusst sein Ding durchzieht, ohne zu zweifeln.

Plötzlich ist sie weg

Ich geniesse dieses Glück, weiterhin am Leben meiner Söhne teilzuhaben, auch durch und mit ihren Partnerinnen, die es irgendwie multiplizieren. Sie werden zu Familienmitgliedern, und ich baue eine Beziehung auf. Sie sollen sich wohlfühlen in meinem Haus.

In den jungen Zwanzigern sind Beziehungen aber nicht immer für das ganze Leben. Und so sind dann meine «Töchter» plötzlich wieder weg.

Zum Glück sind noch nicht so viele junge Frauen durch meine Familie gezogen. Schwer fällt mir das Loslassen allemal, denn ich habe jeweils keinen Trennungsvorlauf, keine Zeit, mich darauf einzustellen, dass sie gehen, keine Zeit des Abschiednehmens. Ich hatte ja auch keinen Streit, keine Beziehungsprobleme, keine negativen Gefühle.

Man versteht beide Seiten

Natürlich solidarisiere ich mich naturgemäss mit meinem Kind, meinem Sohn, aber ich habe mich zu diesem Zeitpunkt auch schon in die junge Frau eingefühlt. Ich kenne auch ihre Wünsche, eben auch die unerfüllten. Ob sie verstanden hat, dass auch mein schöner Sohn (Mutterstolz!) kein Prinz ist, der sie auf einem stolzen Schimmel abholen und durchs Leben verwöhnen wird?

Ob sie schon weiss, dass es im Leben nicht darum geht jemanden zu finden, der einen glücklich macht, sondern jemanden, mit dem man es schafft, zusammen glücklich zu sein – was erfordert, dass man sich selbst für sein Glück zuständig fühlt?

Ein kleiner Tod

Meine zwei Prinzen reiten keine Schimmel und haben noch andere Interessen, als ihre Freundinnen glücklich zu machen. Sie sind jung und unerfahren in Liebesdingen. Sie können sicher gut für sich selber schauen und sind auch alleine glücklich. Wie sie kommunizieren und wie sie lieben, weiss ich nicht, und bei unseren Essen wälzen wir meistens keine Beziehungsprobleme, ausser es ist eben gerade eine in die Brüche gegangen.

Wenn es dann aus ist, muss ich mich ziemlich schnell damit abfinden. Ich kann mich vielleicht nicht mal verabschieden. Jemand, der zwei, drei Jahre Teil meiner Gedanken und Gefühle war, ist plötzlich weg. Ein kleiner Tod. Ich sollte keine Trauer zeigen, keine Enttäuschung, denn mit mir hat das gar nichts zu tun. Ich tröste meinen Sohn, berate ihn, nehme ihn in meine Arme und hoffe, dass ich ein Ort der Zuflucht bin und der Liebe, die ihn nie verlässt, was auch immer er tut.

Auch die Neue wird nett sein, aber anders

Trotzdem kommt es vor, dass ich meine temporäre Tochter vermisse, weil sie so herzlich war, so intelligent, warm, hübsch, kommunikativ, so eigenständig, vielleicht auch, weil sie mich an mich erinnerte und doch viel mehr Selbstbewusstsein hatte, um ihren Weg zu gehen.

Nichts bleibt für immer, und es kommt eine neue nette, junge Frau daher, die anders, aber genauso liebenswert ist. Manchmal hängt noch der Schatten ihrer Vorgängerin über uns, aber das ist nur ein kleines Versehen, weil ich mich im Abschiednehmen schwertue.

Lesen Sie dazu auch:

Wenn das Grosi nicht hüten will >>
Der Sohn fragt: Wie erkenne ich die Richtige? >>