Babypanik! – Mutter werden mit Angstzuständen

Schaffen wir zwei, wir drei es wirklich zusammen? Foto: Engin Akyurt (Pexels)

Es ist 7.05 Uhr und am anderen Ende des Sofas schläft mein Sohn. Und wie die meisten achtwöchigen Babys – gleichzeitig konservativ und anarchistisch gesinnt – wird er bald losweinen, um nicht zu sagen: losheulen. Dennoch lässt mich das kleine Gesicht neben meinen Füssen grinsen und bin ich neugierig auf einen weiteren Tag, den wir gleich zusammen beginnen werden.

Vor fünf Wochen hockte ich morgens um diese Zeit auf der Fuge zwischen Küchen- und Korridorboden, Rücken und Kopf an den Türrahmen gepresst, eine Wärmeflasche über dem Zwerchfell. Den nächsten Schritt konnte ich mir nicht vorstellen.

Ich konnte gerade einmal exakt in dieser Position verharren: Ich hatte derart Angst. Angst davor, dass das Baby aufwacht und schreit, dass ich es nicht beruhigen kann, dass ich das nicht aushalte, dass es leidet, dass mein Partner leidet – dass ich nicht im Stande bin, mein eigenes Kind zu versorgen. Ich hatte schon von Müttern gehört, die zusammen mit ihren Babys in der Psychiatrie betreut werden und sah das Szenario genau vor mir: Der Kleine und ich in einem öden Irrenhaus, wie aus einem veralteten Spielfilm.

Aber auch Ängste ohne konkrete Bilder drückten mich auf den Fussboden hinunter. Das blosse Gefühl, sogar die Gewissheit, dass meine Welt jeden Moment zusammenbrechen, zerkrümeln, erstarren, explodieren, verwehen könnte.

Eine frühere Angststörung

Dass rund 15 Prozent der Frauen in der Schweiz nach der Geburt unter depressiven Zuständen leiden, ist heute glücklicherweise recht gut bekannt. Wohlmeinende Verwandte schickten mir Artikel zu diesem Thema, als sie hörten, dass es mir nicht gut gehe als frischgebackene Mama.

Angststörungen können mit postnatalen Depressionen einhergehen, müssen aber nicht: «Mein Ding ist nicht wirklich der Blues, sondern mehr die Panik …» – so versuchte ich es einigen wenigen zu erklären. Episoden übermässiger Furcht könnten im Zuge der enormen hormonellen Veränderungen nach Schwangerschaft und Geburt jede treffen, aber für manche ist das Risiko erhöht, etwa durch eine traumatische Geburt, schwierige private Umstände oder eine frühere Angststörung. Zu letzteren Frauen gehöre ich.

Medikamente, Therapie, Mut und Glück

Ende zwanzig war ich an einem Septemberabend so erschöpft, dass ich nicht mehr weiter konnte in meinem Alltag, wie ich ihn über Jahre hinweg auf Maximaltempo bestritten hatte. Zwei verknüpfte psychosomatische Symptome hatten mich schlichtweg umgehauen: Tinnitus und Panikattacken. Mit der Unterstützung meines Partners und meiner Freunde, mit einer Behandlung kombiniert aus Gesprächstherapie und Antidepressiva, mit etwas Mut und wohl auch Glück konnte ich aber allmählich mehr Sicherheit finden. Und daraus wurde mit der Zeit wieder Freude, Spass und Energie.

In den letzten zehn Jahren habe ich viel gelacht, viel geschlafen und ziemlich viel gearbeitet. Und doch: Wie oft ich dabei wieder mit körperlichen und emotionalen Alarmzuständen zu tun hatte, wie oft ich sie wieder kürzer oder länger behandeln musste, kann ich nicht einmal mehr sagen. Dreimal? Viermal? Die Frage, ob und wie wir zusammen ein Kind grossziehen könnten, beschäftigte mich und meinen Mann dabei immer wieder.

Anfang letzten Jahres waren wir uns soweit sicher: Wir möchten ein Baby bekommen. Mit meinem Psychiater und der neuen Frauenärztin hatten wir mögliche Szenarien besprochen: Falls unumgänglich, könnten bestimmte Medikamente in der Schwangerschaft eingenommen werden. Bei Übermüdung im Wochenbett könnten wir schöppeln statt stillen. Nach einem halben Jahr war ich schwanger – und obwohl mir monatelang übel war, fühlte ich mich wohl und zuversichtlich. Ob es der neu gemixte Hormoncocktail war und/oder der generelle Perspektivenwechsel auf Job und Alltag? Wie froh waren mein Mann und ich, dass wir es gewagt hatten, schwanger zu werden!

Auf einem anderen Stern

Das tolle Gefühl hielt die ersten Tage als Mutter an. Die Geburt war auf intensive Art schön gewesen, und ich lebte mit dem winzigen Geschöpf im Spital wie auf einem glücklichen, anderen Stern. Zu Hause angekommen, beglückwünschte mich die Hebamme zum Milchfluss, zur Abheilung der Blessuren und zum geschickten Säuglingsmanagement.

Ich selbst aber fand keine Ruhe. Sobald ich einnickte, schreckte ich auf mit Herzklopfen: Ich spürte das Baby unter mir eingeklemmt, sah es riesengross über mir oder suchte es, winzig klein in den Teppichfransen verloren gegangen. In den kurzen Still- und Schlafpausen starrte ich meinen Sohn an. Blockiert irgendwo zwischen Ehrfurcht vor und purer Furcht angesichts der Tatsache, dass diese Person ab sofort, erst mal pausenlos und dann noch für viele Jahre ganz eng mit mir zusammenleben würde.

«Du siehst aus, als wärst du auf der Flucht»

Bei jedem Wehwehchen rechnete ich mit der totalen Eskalation – und dabei handelt es sich bei unserem Baby um ein durchschnittlich entspanntes Exemplar. Sobald möglich, ging ich aus dem Haus, schob den Kinderwagen eiligst vor mir her. «Du siehst aus, als wärst du auf der Flucht», witzelte ein Freund.

Aber ganz sicher war ich das. Mir war wieder permanent übel, die Extrakilos verschwanden viel zu schnell. Ich kannte die Symptome und dachte nur: Bitte, bitte nicht! Wenn ich unserem Kind ganz nahe war, am besten Haut auf Haut, Blick im Blick, ging es besser. Dann spürte ich ganz zart sein und mein Vertrauen, konnte meine Gefühle für ihn kennen lernen, ohne davon überspült zu werden.

Aber zwischen Übernächtigung und Brustentzündung, Gallseife und Binden, Fluten von Gratulationen und Erkundigungen nach meinen Jobplänen kam mir das Baby vor wie ein Meteorit, der mit voller Wucht mitten in mich eingeschlagen hatte. Vollkommen schön, aber viel zu heftig. Ich wusste nicht, wie ich mich jemals an seine permanenten Bedürfnisse und Nöte, seine Unberechenbarkeit, seine schiere Präsenz gewöhnen könnte.

Weniger schlecht, aber nicht gut genug

Immerhin wussten wir, was zu tun war: Unterstützung und Entlastung suchen. Ich besprach mich intensiv mit der Hebamme und meinem Therapeuten. Es wurde klar, dass ich andere Bedürfnisse hatte als etwa meine Schwestern, die mir stets als ideale Bébé-Mütter vorgeschwebt waren.

Das Beistellbettchen quartierten wir vom Schlaf- ins Wohnzimmer aus. Zuerst pumpte ich Milch ab, dann stellten wir ganz auf Schoppen um und teilten uns die Nächte. Der Donnerstag wurde zu meinem freien Tag erklärt. Es ging weniger schlecht, aber nicht gut genug.

Zusätzlich zu den fiesen Symptomen war ich traurig und wütend über meinen Zustand: Es schien mir so unfair, mit meiner momentan zu dünnen Haut zwischen all den scheinbar properen Mamis herumzustolpern. Sich vor Babys, und dann noch vor dem eigenen, zu fürchten, erschien mir selber absurd und sehr, sehr ungünstig im Wochenbett. Selbst in einer belasteten Familie aufgewachsen, wollte ich doch meinem Sohn eine starke, gesunde und fröhliche Mutter sein.

Im Überlebensmodus

Nach einem Monat entschloss ich, die Angstzustände wieder umfassend anzugehen. Jemand Kluges sagte zu mir: «Diese Zeit maximaler körperlicher und emotionaler Veränderungen ist wirklich keine Zeit für Experimente.» Zunehmend konnte ich mich aus dem Überlebensmodus lösen und hatte immer mehr Momente, in denen sich meine Aufmerksamkeit und Kraft auf Schönes, Lustiges, Vertrautes richten konnte. Davon gab es ja mehr als genug!

Irgendeinmal konnte ich erstmals wieder auf dem Sofa liegend in einem Magazin blättern, der Kleine mötzelte am Boden vor sich hin. Und dann schlief ich eines Nachmittags nach dem gemeinsamen Bad zum ersten Mal mit ihm auf der Brust ein. Das Erwachen mit steifem Nacken und Babywärme überall war einer meiner schönsten Momente seit der Geburt. Bis die Empfindungen dauerhaft auf ein für mich «normales» Stresslevel zurückgingen, dauerte es einige Wochen. Mehr als genug Momente des Bangens und einige üble Morgen im Türrahmen inklusive: Schaffen wir zwei, wir drei es wirklich zusammen?

Endlich «Mama»

Wir schafften es, wir schaffen es. Es kam das erste Mal, dass ich mich selbst freiwillig und überzeugt als «Mama» bezeichnete. Mittlerweile kann ich den Kleinen – und mich selbst – meist innerhalb einer halben Stunde zur Ruhe bringen. Und wenn nicht, dann eben in zwei Stunden, oder jemand anderes kriegt es hin. Auch wenn wir gerade überraschend im Kinderspital gestrandet sind. Unser Söhnchen lernt ständig Neues und wir mit ihm.

Ob ich jemals eine Mutter sein werde, die frei von Angstzuständen lebt, weiss ich nicht. Oder ob ich eine Mutter sein werde, die solche herausfordernden Episoden und den Umgang damit immer wieder in den Familienalltag einbauen muss? Vielleicht. Ganz bestimmt aber werde ich jemand sein, der mit seinem Kind über die vielen Facetten psychischer Gesundheit reden wird und darüber, wie man sie pflegen und stärken kann.

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