Bei einer Trennung sollten beide Eltern ausziehen

Aus einem Zuhause werden zwei: Scheidungskinder müssen häufig pendeln. (Foto: iStock)

«Das Nestmodell, das würde ich nie wählen. Zwei Wohnorte wären für mich viel zu anstrengend», so erzählen es mir getrennt lebende Eltern, die das Wechselmodell leben. «Ja, ich könnte mich nie richtig zu Hause fühlen bei diesem Hin und Her! Das Gefühl von Geborgenheit würde doch fehlen…», höre ich sie weiter denken. Bei ihrem gewählten Modell, dem Wechselmodell, wechseln die Kinder ihren Wohnort. Sie ziehen von einem Elternteil zum anderen. Sie kommen immer wieder neu an, ziehen dann wieder los und haben ihre Spielsachen und Freunde an zwei verschiedenen Orten. Manchmal sehe ich das eine oder andere Kind, wie es am Sonntag mit dem Schulthek auf dem Rücken und weiterem Gepäck in den Händen durch das Quartier geht und den neugierigen Nachbarskindern erklärt, weshalb es so viel mit sich herumträgt. Ich nenne diese Kinder Pendlerkinder oder Kinder mit zwei Nestern.

Die Vor- und Nachteile des Nestmodells

Aber es gibt Eltern, die umgehen diese zwei Nester und organisieren sich nach einer Trennung um das bereits bestehende Nest herum. Sie leben das Nestmodell. Dabei bleibt das Kind in der gewohnten Umgebung und wird dort gehegt und aufgezogen. Es ist nie allein, sondern wird immer abwechselnd und in der vertrauten Umgebung, von einem Elternteil versorgt. Verändert hat sich, dass seine Eltern nicht mehr gleichzeitig im Nest sind. Vielleicht berühren sie sich beim Wechsel – kurz, flüchtig, oder sie schauen aneinander vorbei oder streiten sich gar. Vielleicht aber setzen sie sich kurz mit dem Kind an den Küchentisch und tauschen sich aus, bevor ein Elternteil mit gepackter Tasche die gemeinsame Wohnung wieder verlässt. So werden die Eltern zu Pendlern. Sie ziehen in ein WG-Zimmer, zur neuen Partnerin oder, wenn die Finanzen es erlauben, in eine neue, kleinere Wohnung. Sie müssen immer wieder packen, sich vom Kind und der Umgebung verabschieden und losziehen. Mal vergisst man die Wanderschuhe für das kinderfreie Wochenende, mal hat man keine Jacke dabei, wenn es am nächsten Tag abgekühlt hat. Man ärgert sich und fühlt die Kälte am eigenen Leib. Das passiert alles ausserhalb des Nests, das Kind betrifft es nicht.

Warmes Nest, gestresste Eltern?

Ein Bekannter von mir, der das Nestmodell lebt, sagte einmal zu mir: «Weisst du, anstatt, dass unsere Kinder mit Sandalen im Regen herumlaufen müssen, weil die Regenstiefel beim anderen Elternteil blieben, stehen wir Erwachsenen manchmal während eines Regenfalls mit Sandalen draussen. Das kann nerven, und das Hin und Her ist anstrengend. Aber schliesslich haben wir diese Trennung zu verantworten.»

Und ein Kind, dessen getrennte Eltern vor kurzem vom Nestmodell zum Wechselmodell übergegangen sind, erklärte mir: «Weisst du, alles war irgendwie viel wärmer, als Mama und Papa rein und raus gingen und ich zu Hause bleiben konnte.» Ja, sein Nest blieb warm. Sein Nest roch immer gleich, und es wurde immer von den gleichen Dingen und Freunden umgeben. Es konnte bleiben, und die Erwachsenen gingen. Aber in der Praxis wird das Nestmodell wenig angewendet, vermutlich, weil es teuer ist, da man drei Wohnorte finanzieren muss, und auch weil es voraussetzt, dass man die Nähe zum Ex-Partner noch erträgt – aber sicher auch, weil zwei Wohnorte für die Erwachsenen einfach viel zu anstrengend sind!

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