«Kinder müssen lernen, Frustrationen auszuhalten»

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Was tun, wenn das Baby nicht schläft? Eine hübsche Schlafmütze reicht nicht. Foto: Thanarak Worakarndecha (Getty Images)

Familientherapeutin Susanna Fischer erklärt, wo eine Schlafberatung ansetzen kann.

Frau Fischer, schläft das Kind schlecht, schlafen die Eltern schlecht, und irgendwann sind alle am Rand. Was tun?
Mit den Eltern oder mit dem Kind?

Sagen Sie es mir – wo setzen Sie an?
Da sind wir bereits mitten im Thema. Auf der einen Seite gilt es in einer Schlafberatung natürlich, den Eltern auf der Verhaltensebene konkrete Tipps an die Hand zu geben: Lüften Sie das Schlafzimmer, singen Sie ein Schlaflied, schauen Sie, dass das Kind satt ist am Abend. Gleichzeitig bringt das alles nichts, wenn sich die Eltern dabei nicht spüren, wenn sie keine Wahrnehmung haben für ihre eigenen Stimmungen und Verhaltensweisen – und wenn ihre Bedürfnisse vor dem Kind nichts mehr zählen.

Wir stellen uns vor: Ein erschöpftes Elternpaar kommt mit seinem halbjährigen Kind zu Ihnen. Es meldet sich in der Nacht alle zwei Stunden. Wo setzen Sie an?
Zuerst schaue ich, was die Eltern an Ressourcen überhaupt noch mitbringen. Eine Schlafberatung ist immer eine ganz individuelle Beratung. Wenn die Erschöpfung sehr gross ist, muss ein Notfallplan her. Generell gilt: Es macht keinen Sinn, dort anzusetzen, wo die Not am grössten und die Energie am tiefsten ist – also in der Nacht. Da gleich was verändern zu wollen, ist illusorisch.

Wo denn dann?
Ich beginne immer mit dem Tag. Dann stellen sich mir folgende Fragen: In welcher Entwicklungsphase steckt das Kind? Kann es sich beim Spielen länger auf etwas konzentrieren, oder ist es motorisch eher unruhig? Was isst es tagsüber, und wie gut kann es sich selber beruhigen? Wie schläft es am Tag? Erst wenn diese Punkte geklärt sind, kann ich mich der Nacht zuwenden. Angenommen also, ein gut sechs Monate altes Kind kann sich tagsüber gut sättigen und regulieren, meldet sich dann aber nachts sehr oft: Wie schläft es abends ein?

Warum ist das Einschlafritual wichtig?
Mir geht es darum, herauszufinden, ob das Kind im Beisein der Eltern die Gelegenheit bekommt, einen eigenen Beitrag zum Einschlafen zu leisten. Wird es wie wild auf dem Gymnastikball geschaukelt? Können es die Eltern erst ablegen, wenn es schläft? Dann gilt es, die Aktivitäten der Eltern schrittweise runterzufahren. Die Eltern sollen den unruhigen Zustand des Kindes nicht übernehmen – sie müssen vielmehr lernen, bei sich zu bleiben. Ruhig zu bleiben – und diese Ruhe auf das Kind zu übertragen.

Susanna Fischer ist Sozialpädagogin, Familienberaterin und Leiterin der Familienpraxis Stadelhofen. Sie hat langjährige Erfahrung in der Schlaf-/Erziehungsberatung von Familien mit Säuglingen und Kindern mit Regulationsstörungen. Foto: Vera Hartmann Photography

In solchen Situationen ein hehrer Wunsch.
Anspruchsvoll, zweifellos – doch in diesem Moment steckt in meinen Augen der pädagogische Kern: Erziehen heisst für mich, bei den Kindern zu bleiben, wenn es schwierig wird – und ihnen nicht alles abnehmen zu wollen. Es geht darum, eine Haltefähigkeit zu entwickeln. Und jemanden halten kann nur, wer sich selbst halten kann. Wenn ich das Kind beim kleinsten Mucks aus dem Bett reisse und wie wild umherschaukle, weil ich sein Weinen nicht ertrage, muss ich mir Gedanken machen.

Das ist doch ein Extrembeispiel.
Sie würden staunen, wie viele Eltern grosse Mühe haben, auf Spannungen des Kindes nicht immer prompt zu reagieren. Die Kinder werden sofort mit dem Nuggi oder mit der Brust ruhiggestellt. Klar, dann ist Ruhe, das ist ja für alle einfacher! Doch das Kind muss irgendwann lernen, Frustrationen auszuhalten.

Muss das Kind lernen, Frustrationen auszuhalten, oder müssen die Eltern lernen, die Frustrationen des Kindes auszuhalten?
Beides trifft zu – doch natürlich ist es die Aufgabe der Eltern, ihre Kinder Schritt für Schritt an dieses Aushalten heranzuführen. Sie müssen klarmachen, dass sie nicht in der Lage sind, für das Kind alles Unangenehme aus der Welt zu schaffen. Das kann man wunderbar üben!

Haben Sie ein konkretes Beispiel?
Wickeln und Zähneputzen eignen sich sehr gut. Da weiss ich: Die Situation ist zeitlich begrenzt, und ich kann sie selber wieder auflösen. Angenommen, das Kind protestiert lautstark und windet sich: Als Mutter oder als Vater kann ich ganz klar trainieren, nicht in die gleiche Frustrationshaltung zu kommen. Ziehen Sie eine klare Grenze! Fokussieren Sie auf Ihre Atmung und atmen Sie lange aus, das hilft.

Zum Thema klare Grenzen: Was halten Sie vom Familienbett?
Wenn das für die Familie stimmt, super! Doch ich stelle fest, dass nur ganz selten alle glücklich sind im Familienbett. Dann müssen die Eltern reden, unbedingt. Ebenso, wenn der sogenannte Schlaftourismus zur Belastung für die Beziehung wird: Letztens war ein Paar bei mir, da schlief am Ende der Nacht die kleine Tochter alleine im Elternbett. Der Vater schlief auf dem Sofa, die Mutter beim zweiten Kind im Zimmer, auf einer Matratze am Boden. Da vermisse ich manchmal schon die gesunde Haltung: Das Kind ist ein Familienmitglied, es ist nicht der Mittelpunkt.

Dann halten Sie nicht viel von einer bedürfnisorientierten Erziehung?
Sagen wir es so: Wenn die individuelle Entwicklung des Kindes über allem steht, dann fehlt in meinen Augen oft schlicht der Mut, zu erziehen.

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