Kaum im Kindergarten, schon in Therapie

Entgegen unserem Rhythmus: Warum müssen Entwicklungsunterschiede schnellstmöglich ausgeglichen werden? (Foto: iStock)

Der Sohn einer Freundin mag den Frosch nicht ausmalen. Auch den Polizisten nicht oder die Blume. Das Finde-die-zehn-Unterschiede-Bild interessiert ihn ebenfalls nicht.

Überhaupt sitzt er im Kindergarten nicht gern am Pültchen, da wird er ganz unruhig. Viel lieber spielt er. Wenn er ein Lego-Haus baut oder einen Arzt mimt, ist er konzentriert. Der Bub ist fünfeinhalb.

Die Kindergärtnerin findet, man müsse handeln. Jetzt! Sonst werde der Knabe in einem knappen Jahr, wenn er in die Schule komme, grosse Probleme haben, warnt sie. Dort müsse er still sitzen und Arbeitsblätter ausfüllen können. Deshalb wäre diese Therapie gut. Oder jene. Oder Klavier spielen.

Nur keine Zeit verlieren!

Das Motto «Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr» ist tief in unseren Köpfen verankert. Wer mit fünf nicht still sitzen kann, wird es auch mit sechs nicht können. Ein Siebenjähriger, der ausrastet, wird als 18-Jähriger Fremde zusammenschlagen. Eine Achtjährige, die sich vor dem Haushaltsämtli drückt, wird ein Leben lang Mühe damit haben, unliebsame Aufgaben zu übernehmen. Nur keine Zeit verlieren!

Stimmt das wirklich? Ich glaube, dass Kinder mehr von Geduld und Gelassenheit profitieren als von übereilten therapeutischen Massnahmen. Jedes Kind hat seinen eigenen Rhythmus. Mein Sohn zum Beispiel trug an seinem vierten Geburtstag noch Windeln und zeichnete lediglich Linien. Zwei Monate später war er trocken und malte sein erstes figürliches Bild – eine komplexe Szenerie auf einem Spielplatz.

Wenn der Bub meiner Freundin in einem Jahr in der Lage sein muss, eine Weile lang still zu sitzen, warum stresst man ihn dann heute schon damit? So ein Kinderjahr ist unglaublich lang! Und dank Remo Largos Bestsellern «Babyjahre» und «Kinderjahre» wissen wir, dass die ganz normalen Entwicklungsunterschiede zwischen Gleichaltrigen riesig sind: Bei sechsjährigen Kindern betragen sie bis zu drei Jahre, bei Jugendlichen sind es sogar bis zu sechs Jahre.

Das Entwicklungsfenster für «Stillsitzen»

In gewissen Fällen ist es tatsächlich wichtig, dass man frühzeitig reagiert. Es gibt Entwicklungsfenster, in denen das Gehirn für bestimmte Lernerfahrungen besonders empfänglich ist. Bekannt ist zum Beispiel, dass die sensible Phase für den Spracherwerb bis etwa zum 6./7. Lebensjahr dauert – verpasst man sie, ist es fast unmöglich, eine Sprache perfekt zu erlernen.

Meines Wissens gibt es aber kein Entwicklungsfenster «Stillsitzen». Ich bin überzeugt, dass man nichts verpasst, wenn man beim Sohn meiner Freundin einfach mal abwartet. Nach einem weiteren Jahr, in dem er nach Herzenslust spielen durfte, wird er möglicherweise sogar gern am Pult arbeiten. Und wenn nicht, dann ist in der ersten Klasse noch Zeit genug, sich zu überlegen, ob man etwas unternehmen möchte. Und vielleicht auch, ob es überhaupt sinnvoll ist, von einem Schulkind zu verlangen, 45 Minuten am Stück still zu sitzen (vgl. Pilotprojekt «Schule in Bewegung»).

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