«Überwachungs-Apps werden missbraucht»

Wo seid ihr im Ausgang? Über ihre Handys können Jugendliche von den Eltern lokalisiert werden. Foto: Vinicius Wiesehofer (Pexels)

Heimwehkinder, Uber-Eltern, Drohnen-Eltern – das Thema der übertriebenen elterlichen Fürsorge beschäftigt die Gemüter und die Medien. Und das ist gut so. Denn es beeinträchtigt auch viele Jugendliche. Vor allem, wenn ihre Eltern per Handyortung ständig überprüfen, wo sie sich gerade aufhalten. Was macht das mit den Kids? Was mit der Beziehung zu ihren Eltern? Und: Ist das überhaut noch legal? Ein Gespräch mit Sharmila Egger, Psychologin bei Zischtig.ch*.

Frau Egger, Sie haben vor diesem Interview speziell noch eine kleine Umfrage in Schulkassen gemacht. Was ist dabei herausgekommen?
Das Bild hat sich bestätigt, dass mehr Mädchen als Jungen von ihren Eltern kontrolliert werden. Und dass es den Jugendlichen peinlich ist, so überwacht zu werden. Sie reden nicht gern darüber.

Ich selbst habe schon mehrfach von Jugendlichen gehört, dass sie sich einfach mit diesem sogenannten Tracking abfinden müssen. Nur dann erlauben ihnen ihre Eltern, auszugehen und Freunde zu treffen. Ist das überhaupt erlaubt?
Es fehlt bislang eine eindeutige gesetzliche Grundlage, welche die Installation von Überwachungs-Apps von Eltern bei ihren Kindern regeln würde. Es gibt auch noch kein Gerichtsurteil zu dem Thema. So bleibt es ein Abwägen zwischen dem Persönlichkeitsrecht des Kindes und der Fürsorgepflicht der Eltern. Es ist wohl davon auszugehen, dass bei Kindern bis zum 14. Lebensjahr in der Regel die Schutzpflicht der Eltern überwiegt. Später wird das Persönlichkeitsrecht des Kindes eine Rolle spielen und ab 18 ist es dann klar nicht mehr erlaubt.

Gibt es Fälle, in denen eine solche Überwachung per Handy-App sinnvoll ist?
Selten. Ich empfehle es Eltern nicht. Auch zeige ich ihnen keine entsprechenden Apps, denn in der Regel wird dieses Mittel meiner Meinung nach missbraucht. Aber klar, es gibt wie bei allem immer Ausnahmen. Ich hatte in der Beratung auch schon ein Kind mit Diabetes. Da waren sich alle Beteiligten einig, dass es sinnvoll ist, eine App zur Kontrolle zu haben für den Fall, dass das Kind krankheitsbedingt irgendwo in einer Notsituation liegen bleibt.

Sharmila Egger ist Psychologin, Medienpädagogin und Lerncoach. Ihr Wissen aus Gesprächen mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen lässt sie eine Brücke zwischen den Generationen schlagen: «Wir können alle voneinander profitieren – wir müssen nur offen für das Zuhören sein.»

Weshalb sind Sie derart gegen Überwachungs-Apps?
Eine solche Kontrolle richtet mehr Schaden an, als sie nützt. Sie stört das Vertrauensverhältnis zwischen Jugendlichen und ihren Eltern. In diesem Alter geht es darum, Freiheiten zu bekommen und damit umgehen zu lernen. Zu streng überwachte Jugendliche werden aktiv in die Unselbstständigkeit gestossen. Sie sind nicht richtig fit fürs Leben. Das kann doch nicht der Wunsch der Eltern sein. Und im Extremfall bewirkt ein Überwachen mit einer App, was Eltern eigentlich verhindern wollten: Wenn Kids etwa ihr Handy bei Kollegen deponieren, damit ihre Eltern den wahren Aufenthaltsort nicht kennen. Unter Umständen sind sie dann nachts ohne Handy unterwegs und könnten nicht mal Hilfe anfordern, wenn sie den letzten Bus verpasst haben.

Was empfehlen Sie besorgten Eltern als Alternative?
Sie sollen mit ihren Kindern reden. Ihre Ängste äussern und erklären, was sie brauchen, um Sicherheit zu gewinnen. Und sich zurückerinnern. Wir wollten als Teenies doch auch nicht, dass unsere Eltern ständig wussten, wo wir sind. Das engt massiv ein.

Aber wie sonst können Eltern sichergehen, dass ihre Kinder keinen «Seich» machen?
Gar nicht. Aber es ist wirklich wichtig, das Vertrauen aufzubauen, gemeinsam Abmachungen auszuhandeln. Zum Beispiel jene, dass die oder der Jugendliche sich meldet, wenn es später wird. Wenn die Jugendlichen das Vertrauen spüren und ein offener Dialog möglich ist, ist die Chance auch gross, dass so was funktioniert. Allerdings muss diese Art der Kommunikation am besten schon früh geübt werden.

Man kann die App ja auch für Notfälle installieren und den Jugendlichen versprechen, sie wirklich nur dann zu nutzen, wenn sie weit über die vereinbarte Zeit ausbleiben und nicht erreichbar sind, also als Notfalleinrichtung – und sich natürlich auch daran halten.
Ja, wenn das Vertrauensverhältnis gut genug ist, kann das nützlich sein. Es gibt auch Funktionen, da wird man darüber informiert, wenn der Standort des Geräts abgerufen wird. So wäre das Vertrauen gestärkt.

Warum wehren sich die meisten betroffenen Jugendlichen eigentlich nicht vehementer gegen diese Überwachung?
Die Jugendlichen erzählten mir, dass sie einfach resigniert haben. Auch weil sie sich oft schämen und darum gar nicht gross mit anderen darüber reden.

Was können sie denn überhaupt unternehmen?
Sie können versuchen, mit den Eltern zu reden, ihnen von sich aus Regeln anbieten, an die sie sich halten. Sie an einen Elternabend zum Thema schicken oder zu uns. Und sie können versuchen herauszufinden, wovor genau die Eltern so Angst haben und weshalb.

Aber das alles wäre ja eigentlich nicht Aufgabe der Jugendlichen …
… nein. Aber für Eltern ist die Situation auch nicht leicht. Eltern sollten selbst merken, ab wann ihre Kontrolle zwanghaft wird. Sie müssen lernen loszulassen. Daran führt kein Weg vorbei. Wenn das nicht gelingen will, obwohl die Eltern innerlich realisieren, was gut wäre, kann eine Familienberatung helfen. Mit oder auch ohne die Jugendlichen.

Haben Eltern heute viel mehr Angst haben als früher?
Nein, das glaube ich nicht. Doch es gibt mehr Mittel zur Kontrolle. Hinzu kommt, dass das Internet für viele Eltern eine Art Blackbox ist. Man hat keine Ahnung, was in dieser unübersichtlichen Welt mit den Kindern geschieht, was sie sehen, erleben und wen sie treffen. Man liest so viel über Cybermobbing, Cybergrooming und Co. Das macht den Eltern natürlich Angst. Deshalb sollten sie an diesen Themen dran bleiben. Nur wer versucht, offen zuzuhören, gewinnt das Vertrauen der Jugendlichen und kann auf Risiken hinweisen, ohne dass die Kids gleich auf Durchzug schalten.

* Zischtig.ch ist ein gemeinnütziger Verein, der sich für einen sicheren und gewinnbringenden Umgang mit Medien einsetzt, für Kinder, Jugendliche, Eltern und Lehrkräfte. Er bietet Kurse für alle Schulstufen, Fortbildungen und eine reichhaltige Website zum Thema an.

Filmtipp: In der vierten Staffel der Netflix-Serie «Black Mirror» gibt es eine Episode namens «Arkangel» (Regie: Jodie Foster), die auf verstörend nachvollziehbare Weise die denkbaren Entwicklungen der Über-Überwachung von Kindern und deren mögliche Folgen zeigt. Science Fiction, aber in der Denkanlage sehr real.