Diktatur der Frühaufsteher

Vonwegen der frühe Vogel…: Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass Teenager zu Morgenmuffeln mutieren. (Foto: iStock)

Montagmorgen, 7.25 Uhr, der erste Gong eines Oberstufen-Schulhauses im Schweizer Mittelland hallt durch die Gänge. Die 12- bis 16-jährigen Schülerinnen und Schüler bewegen sich langsam in Richtung Zimmer. Kein Gerenne, kaum Gelächter. Mit gebeugten Rücken schleppen die Teenager ihre prall gefüllten Rücksäcke zu ihren Pulten, fummeln Bücher und Hefte heraus und harren der Dinge. Einige wenige sprechen leise mit ihren Pultnachbarn, die meisten schauen verschlafen nach vorne, wo die Lehrerin aufgeregt hin- und herläuft, in ihrem Papierberg wühlt, eine Schülerin begrüsst. Pünktlich mit dem zweiten Gong um 7.30 Uhr beginnt sie mit dem Deutschunterricht.

Die nächste halbe Stunde erklärt die Lehrerin in Emil-Deutsch die neue Aufgabe: «Bis nägschten Mooontaaag erarbeitet iiiiihr einen Vooortraaag über Euchch. Zerschd erschtellllt ihr dazu ein Mäindmäpp.» Sie lächelt zumeist beim Reden und sprüht vor Energie. Zwischendurch stellt sie Fragen, drei Schüler müssen einen kurzen Abschnitt vom Aufgabenblatt vorlesen, dann spricht sie weiter. Sie wird nicht gern unterbrochen und hat ein sehr gutes Gehör: Zwei Buben hatten ihrem Pultnachbarn kaum wahrnehmbar etwas zugeflüstert. Sie erhielten eine Vorverwarnung. Nach ihren Erklärungen gibt sie den Startschuss zur Arbeit: «Ready Freddy?!?»

Muss ich mir Sorgen machen?

Um acht Uhr betritt Schüler Nummer 25 das Zimmer, entschuldigt sich («Ich dachte, wir hätten erst um 8.15 Uhr Unterricht.») und schlurft zum letzten leeren Pult. Er kommt genau richtig zur Gruppenarbeit, zu zweit sollen sich die Schüler über die Aufgabe austauschen. Nach fünf Minuten stellt er fest: «Ich finde keinen Partner.» Doch das spielt keine Rolle. Die meisten anderen Schüler sind vertieft in ihr Werk und zeigen wenig Debattierlust. In der Pause um 8.15 Uhr verhalten sich die Teenager wie eine Stunde früher: Geräuschpegel und Bewegungsdrang der Jugendlichen liegen auf sehr tiefem Niveau.

Ich erinnere mich an frühere Schulbesuche, damals noch in der Primarschule: Da flogen Haargummis durch das Schulzimmer und die Erzieherin war selten die Einzige, die laut sprach. Ich frage mich: Sind die Schüler alle mit Ritalin ruhiggestellt? Haben sie die ganze Nacht auf Netflix und in Chats verbracht? Muss ich mir Sorgen um meine Tochter machen, die ich selten so still sitzen gesehen habe (sie ist ein Morgenmuffel und muss dreimal die Woche um 7.30 Uhr zur Schule)? Bin ich in eine Klasse voller Zombies geraten?

Dösende Schüler, ruhiger Unterricht

Nein, lautet die Antwort unzähliger wissenschaftlicher Studien. Kinder in diesem Alter brauchen rund neun Stunden Schlaf. Hormone und Hirn ordnen sich neu. Der Schlafrhythmus ändert sich. Forscher und Ärzte kamen zum Schluss: Der Schulbeginn um 7.30 Uhr ist zu früh. Die meisten Kinder mutieren in diesem Alter zu «Eulen», sprich Morgenmuffeln. Zwar sind die Schüler in den frühen Lektionen still. Das dürfen die Lehrer aber nicht als hochkonzentriert deuten. Die Schüler dösen einfach noch.

In Schulen mit späterem Beginn erwiesen sich die Kinder als ausgeruhter, konzentrierter, fröhlicher. Sie schrieben auch bessere Noten. Neu sind diese Erkenntnisse keineswegs. Inzwischen haben einige wenige Schulen in den Kantonen Bern und Basel den Schulstart vor 8 Uhr abgeschafft. Gegen alle Widerstände: Unter anderem argumentierten Lehrer, sie liebten die frühen Stunden, da sei es so ruhig.

Was meinen Sie: Soll die Diktatur der Frühaufsteher bestehen bleiben?

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