«Beide Elternteile sollten einen 80-Prozent-Job haben»

Eine Familie, zwei Karrieren: Jeder muss auf sein eigenes Fundament von Ausbildung und Berufserfahrung achten. (Foto: iStock)

Tatjana Bandinu* coacht viele Frauen beim beruflichen Wiedereinstieg. Ein Gespräch über Geschlechterkampf im Job, das klassische Rollenmodell – und Fehler, die vor allem Frauen begehen.

Tatjana Bandinu, wie zeigt sich «Geschlechterkampf» in der Arbeitswelt?
Der zeigt sich am deutlichsten auf Managementstufe und den Stufen darüber. Es geht um die Frage, wer welche Kompetenzen erhält; aber es geht auch um das Salär und um den Anteil Frauen auf Führungsebene. Chefpositionen sind zu 80 Prozent von Männern besetzt, hier herrscht noch eine grosse Ungleichheit. Das wiederum hat Auswirkungen darauf, wie Entscheide getroffen werden, aber auch auf die Strategie und Unternehmenskultur.

Will heissen, Frauen brauchen sich noch immer der Männerwelt anzupassen, wenn sie beruflich weiterkommen möchten.
Ja, oft ist es so. Aber auch für Männer kann das herausfordernd sein. Auch sie müssen mitspielen und ihre Ellenbogen ausfahren, nur gestaltet es sich für sie vielleicht etwas einfacher.

Weil Männer bei einem Vorstellungsgespräch nicht nach der Betreuungssituation ihrer Kinder gefragt werden?
Ja, zum Beispiel. Bei Männern ist das nie ein Thema, auch wenn sie vier Kinder haben. Frauen erleben das aber oft. Die Ungleichheit beginnt bereits bei solchen Interviewfragen und geht danach weiter.

Sie coachen oft Frauen bei ihrem beruflichen Wiedereinstieg. Wie helfen Sie ihnen dabei?
Sie brauchen sich selbst bestimmte Fragen zu stellen, etwa: Wer bin ich? Was kann ich gut? Was motiviert mich? Hat man diese Fragen für sich geklärt, weiss man schon sehr viel mehr, wohin es einen beruflich zieht, was man erwartet und was zu einem passt. Ich helfe meinen Klienten oder Klientinnen bei diesem Prozess. Interessanterweise erlebe ich immer nur Frauen, die einen beruflichen Unterbruch über mehrere Jahre hatten, nie Männer. Frauen konzentrieren sich während ein paar Jahren voll auf die Familie. Das hat mit der klassischen Rollenverteilung zu tun, aber nicht nur. Hausmänner steigen meist nicht ganz, aber vor allem nie so lange wie Frauen aus dem Berufsleben aus. Sie arbeiten weiterhin als Freelancer oder pflegen wenigstens ihr Netzwerk.

Will heissen: Frauen, die sich ganz aus dem Job zurückziehen, um sich voll um die Familie zu kümmern, begehen einen Fehler?
Aus Karriereperspektive, ja. Doch nicht, wenn sie sich bewusst dazu entschieden haben und sie ihre Perspektiven mit den möglichen Konsequenzen kennen. Ansonsten wird es schwierig.

Schwierig inwiefern?
Fakt ist, dass es mit jedem weiteren Jahr Abwesenheit schwieriger wird, wieder in den Job einzusteigen. Denn Teilzeitstellen sind rar und meist anspruchslos, fordern aber dennoch ein hohes Mass an zeitlicher Flexibilität. Heutige junge Frauen haben zum Glück meist gute Ausbildungen, sie besitzen einen Master oder Bachelor. Dadurch finden sie einen einfacheren Einstieg nach einem Unterbruch. Besitzt jemand aber lediglich einen Lehrabschluss und setzt mehrere Jahre aus, ist ein Wiedereinstieg schwieriger. Die jüngere Konkurrenz wird im Bewerbungsprozess oft bevorzugt. Dies ist keinesfalls geschlechterspezifisch.

Was sollen Mütter und Väter beherzigen, die ein paar Jahre für die Familie da sind und kaum erwerbstätig sind?
Sie sollen sich während ihrer Auszeit weiterbilden oder sich an eine neue Ausbildung wagen sowie den Kontakt zu ehemaligen Kollegen oder Vorgesetzten nicht verlieren. Dass man sein Netzwerk pflegen soll, geht oft vergessen.

Männer monieren regelmässig, dass die Wahlfreiheit zwischen Teilzeit und Vollzeit meist nur Frauen zusteht: von den Arbeitgebern, aber auch in der Beziehung. Wie erleben Sie das?
Es ist für beide Geschlechter nicht einfach. Beide müssen sich darauf ausrichten, dass Job und Familie gemeinsam möglich sind. Auch ich habe mir diese Freiheit erschaffen. Uns Frauen ist bewusst, dass wir so beruflich langsamer vorankommen. Will ein Mann Teilzeit arbeiten, muss auch er die oft damit verbundenen Konsequenzen hinnehmen – das heisst weniger Verantwortung im Job und eine langsamere Beförderung. Ich bin überzeugt, dass die meisten Männer reduzieren könnten und ein 80-Prozent-Pensum bewilligt wird, auch auf allerhöchster Stufe. Es gibt ausreichend Belege und Beispiele dafür, dass dies funktioniert.

Männer könnten also durchaus reduzieren, wenn sie wollten?
Auch sie haben eine Wahl. Viele Arbeitgeber tun sich noch immer schwer mit Teilzeitarbeit, das stimmt. Doch will man unbedingt das Pensum reduzieren und der Arbeitgeber nicht, so müssen die Prioritäten klar sein. Allenfalls muss man sich nach einem anderen Job umsehen. Interessant ist ja, wie sich die Situation verändert, wenn plötzlich eine Scheidung ansteht. Dann beginnen Männer und Frauen, sich von eingefahrenen Mustern zu lösen, und werden flexibler.

Wegen einer Scheidung oder Trennung wird Teilzeit plötzlich möglich?
Väter betreuen dann öfter ihre Kinder. Sie holen sie vom Kinderhort ab und sind vermehrt allein für sie verantwortlich. Sie erleben plötzlich den Spagat zwischen Job und Kindern. Durch diese Erfahrung findet oft ein Umdenken statt. Und das ist wichtig, denn nur wenn wir persönlich unsere Einstellung ändern, kann sich diese auch in den Firmen ändern.

Halten Sie Paare, die am klassischen Rollenmodell festhalten, für blauäugig?
Ja, wenn die Wahl nicht bewusst und reflektiert getroffen wird. Man braucht sich nur die Perspektiven anzuschauen und zu überlegen, wie die Situation in 20 Jahren sein wird. Im Leben passiert Unvorhergesehenes wie Krankheit, Trennung, Tod. Das eigene Fundament muss finanziell, von der Ausbildung und der Berufserfahrung her stabil sein.

Welches Modell halten Sie für beide Elternteile für das beste?
Wenn beide zu 80 Prozent erwerbstätig sind. Es ist die ideale Ausgangslage. Mann wie Frau bleiben in ihren beruflichen Positionen mit besseren Entwicklungschancen und betreuen zudem die Kinder. Aber egal für welches Modell sich ein Elternpaar letztlich entscheidet: Verantwortung übernehmen bedeutet auch, dass man einander zuhört und auf die jeweiligen Bedürfnisse eingeht sowie die Konsequenzen in Kauf nimmt.

* Tatjana Bandinu ist Psychologin und Coach bei Advice Versa. Sie ist alleinerziehende Mutter von zwei Kindern.

 

 

 

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Themenschwerpunkt «Geschlechterkampf»: Diese Woche widmet sich der Mamablog Gender- und Vereinbarkeitsfragen. Unsere Autorinnen und Autoren beleuchten Missstände, Kämpfe und Krämpfe – beschreiben aber auch persönliche Einsichten und Lösungsansätze, wie die Geschlechter partnerschaftlich miteinander umgehen können. Wir freuen uns auf angeregte Diskussionen und wünschen viel Spass. Die Redaktion.