«Viel gelobte Kinder können nicht mehr frei malen»

(Fotos: Ellen Girod)

Echtes Interesse statt Bewertung:  Alexandra Gysling unterrichtet im Malspielraum in Zürich. (Fotos: Ellen Girod)

Alexandra Gysling, Sie sprechen sich gegen das Loben von etwa Kinderzeichnungen aus. Was spricht dagegen?

Lob ist immer eine Bewertung, mein Urteil über das fertige Bild. Das Resultat ist im Vordergrund und nicht der Malprozess. Ich sehe, dass Kinder, die viel gelobt werden, nicht mehr frei malen. Sie malen x-mal dasselbe. Weil sie wissen, dass es andere gut finden. Es geht nur noch ums gefallen wollen.

Warum fällt es uns Erwachsenen so schwer, nicht zu loben?

Ich denke, weil wir alle damit aufgewachsen sind in diesem Belohnungs- und Bestrafungssystem. Sehen wir uns nur die Schulen an. Oder Facebook: Gefällt mir, gefällt mir nicht. Die Kinder kriegen das mit. Das Fatale ist dabei: Dass immer mehr Kinder das Gefühl haben, sie müssen etwas Besonderes und Wahnsinniges machen. Und dadurch unter Druck geraten…

… und dabei haben wir Eltern das Gefühl, unseren Kindern Gutes zu tun, indem wir sie mit Lob positiv verstärken.

Genau. Wir denken, wir unterstützen das Kind mit dem Lob. Aber wirklich unterstützen können wir, denke ich, in dem wir echtes Interesse zeigen, ohne zu bewerten.

Wie zeigt man denn Interesse, ohne zu deuten oder zu loben?

Sehr vieles läuft nonverbal ab. Ein Blick da, ein Lächeln hier. Kinder merken: Sie sieht mich, sie sieht, was ich sehe. Das ist die Art von Unterstützung, die sie bestätigt, ohne dass ich etwas zum Bild sage. Es gibt ihnen die Erlaubnis, einfach das zu tun, was sie wollen. Sein zu können, wie sie sind. Alternativ kann man vielleicht über den Prozess reden: Wie ist es dir beim Malen gegangen? Willst du mir etwas dazu erzählen? Oder einfach ganz neutral beschreiben statt bewerten: Ich sehe da hat es ganz viel rot. Es braucht nicht viel, um echtes Interesse zu zeigen. Lob hingegen ist schnell abgehandelt und oberflächlich. Nur die Reaktion des Erwachsenen ist im Vordergrund. Kinder hören auf, zu reflektieren und zu erzählen, sobald ein Urteil verkündet ist.

Wo zieht man die Grenze zwischen beschreiben und deuten?

Vorsichtig und wertfrei etwas eindeutig Erkennbares zu beschreiben, kann ein Türöffner sein, damit das Kind von sich aus mehr erzählt. Ich denke, es ist ein Unterschied, ob man wertfrei beschreibt «Ich sehe, du hast viele Farben gewählt» oder ob man fragt: «Was hast du da gemalt?» Was passiert beim Kind, wenn es das Letztere hört? Es denkt: «Hmm, man sieht gar nicht, was ich da gemacht hab. Wahrscheinlich ist es nicht gut. Ach, ich kann das nicht, ich kann nicht malen.»

In Ihrem Malatelier gibt es keine Deutungen und Lob. Wenn das Kind die Bilder nach Hause nimmt, fragt der Grossvater wohlwollend: Das Gelbe da, ist das eine Sonne? Geht da nicht der ganze Zauber verloren?

Was passiert, wenn die Bilder mit nach Hause genommen werden, kann ich nur beschränkt steuern. Ich denke, die Erfahrung, die das Kind im Malspielraum macht, ist dennoch wertvoll. Kinder leben so sehr im Moment.

Wollen alle Kinder frei malen? Gibt es auch solche, die zum Beispiel mit Ausmalbüchern in einen Flow kommen?

Es kann sein, dass das Ausmalen von Vorlagen für eine gewisse Zeit Spass macht. Es fehlen dabei aber die kreativen Aspekte des freien Malens, welche die Persönlichkeit stärken und für die ganzheitliche kindliche Entwicklung gut sind. Das was beim freien Malen passiert, überträgt sich in ganz viele Bereiche und integriert sich nach und nach in den Alltag. Das Kind merkt: Ich kann nichts falsch machen. Ich finde selber zu Lösungen. Ich kann mein Bild immer wieder verändern. Es am Schluss so machen, wie es mir selber gefällt. So erleben die Kinder Selbstwirksamkeit und lernen, sich und ihren Fähigkeiten zu vertrauen.

Ein Beispiel?

Bei den Älteren kommt es oft vor, dass sie etwas Bestimmtes malen wollen, es ihnen nicht gelingt und sie verzweifelt ein neues Blatt verlangen. Da bin ich liebevoll, aber hartnäckig. Wir schauen, was die Kinder aus dem Bild machen können. Wie sie es verwandeln können. Und plötzlich merken sie: Ich kann doch etwas machen, ich muss keine Angst haben, etwas falsch zu machen.

Fehlt es Kindern an Selbstvertrauen?

Ich sehe viele grössere Kinder, die zu mir in den Malspielraum kommen und sagen: «Ich weiss nicht, was malen.» Das Natürlichste wäre ja, dass das gar keine Frage ist, dass es aus ihnen heraussprudelt, wie das bei den Kleinen so schön zu beobachten ist.

Warum ist das so?

In der heutigen Zeit kommt ganz viel Anregung von aussen. Einerseits prasseln vorgefertigte Inhalte aus den Smartphones auf die Kinder ein. Kinder sind es sich gar nicht mehr gewöhnt, aus sich selbst zu schöpfen. Sie reproduzieren fremde Bilder aus Games oder geben Angelerntes wieder. Und andererseits sieht man bereits in Kitas Wettbewerbsdenken, Vorgaben und Anleitungen – man denkt, man müsse Kindern zeichnen beibringen. Das sehe ich als ein Problem. Wenn Kindern vorgezeigt wird, wie man z.B. ein bestimmtes Tier malt, dass es «korrekt» dargestellt ist und mit den «richtigen» Farben, verlieren sie ihre Spontanität und ihre Fantasie. Sie malen dann mit dem Kopf und nicht mehr mit dem Herzen. Das Malen hat dann nur mit «Können» zu tun, mit Leistung und nicht mehr mit Spiel. Ich versuche, die Kinder zu sich zurückzuführen, damit sie wieder zu ihrer Intuition und ihrem Ideenreichtum finden.

Und was machen Sie, wenn ein Kind sagt, es weiss nicht, was es malen soll?

Vielen Kindern fällt es heute schwer, draufloszumalen, ohne zu wissen, was dabei herauskommt. Die Meinung «Ich muss zuerst eine Idee, eine Vorstellung für ein Bild haben» ist weit verbreitet. Ich versuche, es zu ermutigen, spielerisch einfach mal mit einer Farbe zu beginnen, auszuprobieren und dabei etwas Neues zu entdecken. Aber es braucht manchmal viel, bis die Kinder spontan anfangen zu malen, aus ihrer Intuition heraus. Bis sie erfinden. Und merken: Es spielt keine Rolle, wie andere mein Bild finden. Ich muss nichts «gut», «schön» oder «korrekt» machen. Ich kann mich von mir selber leiten lassen.

Alexandra Gysling ist bildende Künstlerin und dipl. Mal- und Kunsttherapeutin IHK sowie Spielgruppenleiterin AAI. Sie betreibt das Kinderatelier Nuori in Zürich.

 

 

 

Dieses Interview ist eine gekürzte Version aus dem Blog Chezmamapoule.ch

Weitere Postings zum Thema: «Darum ist freies Spiel so wichtig» oder «Lassen Sie sich von ihrem Kind erziehen».