Die Familie im Fussballfieber

Grosse Gefühle und unvergessliche Momente: Zwei Deutschland-Fans an der WM 2014. (Foto: Getty Images)

Nur wenige Stunden bis zum Anpfiff, dann ist das Warten endlich vorbei und die Fussballweltmeisterschaft beginnt! Wie lange haben wir Spielpläne studiert, mögliche Gegner ausgelotet, über Spielernominierungen gefachsimpelt, Panini-Bildchen getauscht und voller Vorfreude die Tage gezählt. Besonders während der ersten zwei Wochen einer WM, wenn der Spieltakt am dichtesten ist, herrscht in unserer Familie Ausnahmezustand: Besuch geht ein und aus oder wir pilgern von Public Viewings zu Übertragungen in gemütliche Biergärten und wieder zurück.

Die sonst eher rigiden Fernsehzeiten werden verworfen, denn unsere 9-jährigen Jungs fiebern leidenschaftlich mit. Die DVD mit den «WM Highlights 2014» hat auch knapp vier Jahre später nichts an Beliebtheit eingebüsst. Unzählige Male haben sie sich die Zusammenfassungen der Spiele angeschaut: Dabei das bittere Ausscheiden der Schweiz gegen Argentinien kommentarlos übersprungen, Robbens Schwalbe im Spiel gegen Mexiko verflucht und sich über jedes einzelne der sieben Tore der deutschen Elf gegen Brasilien gefreut. Immer wieder.

Eine herrlich emotionale Angelegenheit

Selten fühle ich mich der Schweiz so verbunden wie während einer Fussball-WM, und auch mein Mann fiebert bedingungslos mit seinem Heimatteam Mexiko mit. Natürlich hoffen wir auch für die jeweils andere Mannschaft, doch käme es hart auf hart, wären die Präferenzen klar. Nicht so für unsere Kinder, die sich zu Weihnachten oder ihren Geburtstagen sowohl ein Schweiz- als auch ein Mexiko-Trikot wünschen. Für sie wäre ein Aufeinandertreffen, was theoretisch in den Achtelfinals möglich ist, emotional schwierig; obwohl es mit kühlem Kopf und von aussen betrachtet natürlich eine durchaus komfortable Ausgangslage ist, wenn von Beginn an feststeht, dass sich so oder so ein Lieblingsteam für die nächste Runde qualifizieren wird. Da es bei K.-o.-Spielen bekanntlich keine Remis gibt, würden sich unsere Söhne wohl mit je einem Elternteil solidarisieren – und wir Eltern müssten uns zurückhalten mit Kommentaren und Gefühlsausbrüchen.

Vorausgesetzt man interessiert sich dafür, ist Fussball eine herrlich emotionale Angelegenheit, mit der so viele Erinnerungen verbunden sind. Selbst ich, die sich Daten nur schlecht merken kann, erinnere mich an viele Resultate und Spielverläufe vergangener Europa- und Weltmeisterschaften, meistens auch in Kombination mit Ereignissen, die in diese Zeit fielen. Nie werde ich beispielsweise Georges Bregys Freistosstreffer im WM-Eröffnungsspiel gegen die USA vergessen. 24 Jahre ist das her. Genauso werden sich unsere Jungs bestimmt ein Leben lang daran erinnern, wie Deutschland 2014 Weltmeister geworden ist, wie wir nach dem Final, den wir uns im Garten von Freunden angeschaut haben, durch das jubelnde und feiernde Frankfurt nach Hause spazierten, da und dort stehen blieben und einfach nur glücklich waren.

Loyalitätskonflikte und ein Versprechen

Denn auch mit der deutschen Nationalmannschaft ist unsere Verbundenheit gross, schliesslich leben wir bereits seit sieben Jahren hier. Nur bringt leider auch diese Konstellation heuer einige Loyalitätskonflikte mit sich. Insbesondere am kommenden Sonntag, wenn Deutschland und Mexiko als Gruppengegner aufeinandertreffen. Unsere Jungs schicken Stossgebete zum Himmel, dass es Mexiko nicht ergehen wird wie 2014 Brasilien. Eine Niederlage, o.k., aber bitte keine Demütigung, denn am nächsten Tag ist ja wieder Schule. Und sobald unsere Teams die Heimreise antreten müssen, halten wir der deutschen Elf auch wieder die Treue – versprochen!

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10 Kommentare zu «Die Familie im Fussballfieber»

  • sophie sagt:

    Warum sie nicht in’s Restaurant schicken um mit anderen schauen ? Oder ein zweiter TV zuhause ? Man kann sie mieten.

  • santa verita sagt:

    Wie kann es sein, dass Fussball ein solches Gewicht hat und in allen Schichten Begeisterung auszulösen vermag,wo doch jeder weiss, wie viele Skandale es sowohl von korrupten Fifa-Funktionären als auch von ebenso korrupten, gedopten und ausrastenden Fussballern schon gegeben hat, ganz zu schweigen von den horrenden Summen,die für Spieler bezahlt werden und all den Ausschreitungen der vergangenen Jahre nach (fast) jedem Match, nein, nicht von „Fans“,wie man immer wieder scheinheilig zu hören bekommt,weil keiner sie beim richtigen Namen nennen will, sondern von „Kriminellen“. Ich kriege die Krise, wenn ich nur schon daran denke, dass ich jetzt wieder mehr als einen Monat lang nicht um diesen Schwachsinn herumkomme, weil nämlich jeder Idiot etwas zum Thema zu tältschen hat.

  • Madeleine sagt:

    Naja, das Kind auf Gedeih und Verderb ins Gymi schicken zu wollen ist auch eine seeeehr ungesunde Eigenschaft einiger Eltern und zerstört so manche Lebensfreude! Wir freuen uns auf das Fussballspektakel und fiebern, wetten und schmausen dazu! HOPP SCHWIIZ!

  • CoffeeToffee sagt:

    Nicht ims Gymi kommen wegen Fussball? Hahaha. Da hab ich aber ziemlich viele Gegenbeispiele zur Hand lieber Sal Davis. Man kann auch (oder dank) einer Leidenschaft eine gute Schulkarriere hinlegen

  • CoffeeToffee sagt:

    Mir ergeht es genau wie im Text- freue mich riesig auf die WM und Fernsehzeiten werden über Bord geworfen. Das überleben auch die Lehrer alle 2 Jahre, hoffe ich.

  • 13 sagt:

    Schön geschrieben. Als Doppelbürger geht es mir jeweils ähnlich, auch wenn ich bewusst keine Prioritäten mache. Denn es ist ein Geschenk, nicht nur eine sondern zwei Heimatländer oder zu Hause zu haben und dieses kann nur derjenige wirklich wertschätzen, der beide Länder als eigene liebt. Wir fiebern bei beiden mit, wobei das Fiebern eher nur mich betrifft, meine Familie ist für ca. 10 Min voll dabei und schläft dann auf dem Sofa oder verschwindet im Garten. Und spielen beide gegeneinander, bin ich entspannt: Verlieren kann man ja nicht.

  • Ulrich Gassner sagt:

    Schwalben wäre vielleicht der passendere Name. Ändert aber nichts daran, dass der Mann RoBBen heisst.

  • sam davis sagt:

    ich finde es ok, wenn jeder das schaut was er will und seine interessen hat. aber wenn sich gewisse eltern wundern, dass ihre kinder nicht in das gymi kommen, wenn es dauernd, und nicht nur bei der wm, um fussball geht und dies sooo wichtig scheint, dann fehlt bei mir das verständnis.
    für mich persönlich gibt es nichts anderes als fussball und leute, die von fussball sprechen. in amerika wären sie vermutlich baseball fans. hauptsache in der herde.

  • Micha Wyss sagt:

    Haha bei uns läufts anders. Ich muss mich bei meiner Frau, meiner Tochter und meinen zwei Jungs rechtfertigen, warum ich den belanglosen Mist immer schaue, alles liegen bleibt und ich auch sonst für nix zu haben bin. Uff….das wird wieder ein Krampf als einziger Fussballinterssierter in der Familie.

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