Trotz Shitstorm: Weshalb die Wickel-Debatte gut ist

Wie funktioniert eine vertrauensvolle Beziehung zwischen einem Erwachsenen und einem Kind? Foto: Wayne Evans (Pexels)

Eine australische Sexualtherapeutin spricht in einem kurzen TV-Interview über sexuellen Missbrauch und wie wichtig es sei, dass sich Kinder schon früh abzugrenzen wissen. Danach, Minuten später nur, ist Deanne Carson in aller Welt bekannt. Das Video des Interviews mit dem australischen Sender ABC geht viral – und der Frau mit den pinkfarbenen Haaren weht ein rauer Wind entgegen. Onlinemedien, Kommentarschreiber und Experten hauen mit teils gehässigen Worten auf sie ein.

Was war geschehen? Im Gespräch, in dem es um einen Vergewaltigungsfall ging, sagte Expertin Deanne Carson: Um Kinder später im Leben vor Missbrauch zu schützen, sollten Familien eine sogenannte «Kultur der Zustimmung» leben. Eltern müssten ihre Kinder ernst nehmen und ihnen so früh wie möglich beibringen, eine eigene Meinung zu haben. Carson: «Vor dem Wickeln sollen Eltern das Baby deshalb um Erlaubnis fragen». Sie rät, es explizit zu fragen: «Ich werde jetzt deine Windel wechseln, ist das in Ordnung?»

«Die Abschaffung der elterlichen Autorität»

Deanne Carson im Interview.

Wumm. Seither schlagen Wutbürger Frau Carson allerhand um die Ohren. Windelweich! Diese Therapeutin habe keine Ahnung, sei gar irr, schreit es durch das World Wide Web. Damit sei der absurde Höhepunkt einer politischen Korrektheit erreicht, die aus dem Ruder gelaufen sei, sind sich viele Menschen auf den sozialen Medien einig. Und: «Die Abschaffung der elterlichen Autorität ist somit vollkommen», twittert «eine verwirrte Mom».

Die Sexualerzieherin sagte zwar auch, die Kinder würden wohl kaum verbal antworten, doch das ging im Wirbel etwas unter. «Natürlich sagt ein Baby nicht ‹Ja, Mama, das ist grossartig. Ich liebe es, wenn du meine Windeln wechselst›», so Carson. Sie meine damit vielmehr, dass Eltern dem Kind etwas Zeit und Raum lassen sollten und auf Antworten durch Körpersprache warten: Wenn Eltern Augenkontakt herstellen würden, dann würden sie die Antwort des Kindes sehen und ihm damit zeigen, dass die Antwort auch etwas zähle.

Was, wenn das Baby nein sagt?

Ihre Aussagen sind merkwürdig, keine Frage. Alle Eltern wissen, wie störrisch ein zweijähriges Kind zuweilen sein kann – auch beim Windeln wechseln. Soll man nun aber auf ein «Yes, You can» des Kindes zu warten, obwohl die Kacke seit Stunden am Dampfen ist? Eher nicht, nur schon der Gesundheit des Babys und des eigenen Wohlbefindens wegen. Stellt sich dann die Frage, ob man sich dem Willen des Babys noch entgegensetzen darf, nachdem man es gefragt hat. Es würde so doch merken, dass in diesem Fall seine Meinung eben nicht zählt. Die Verwirrung auf Baby- und Elternseite scheint perfekt und die Debatte rund um die Um-Erlaubnis-Fragerei hinfällig.

Dennoch bin ich Deanne Carson dankbar, dass dank ihr ein wichtiges Thema Aufmerksamkeit erhielt und es noch immer tut. Denn eigentlich geht es um nichts anderes als um die Frage, wie eine vertrauensvolle Beziehung zwischen einem Erwachsenen und einem Kind entstehen kann und auszusehen hat – und dass dabei Nähe, Feinfühligkeit aber auch Abgrenzung dazugehören. Jede Mutter, jeder Vater greift etwa selbstverständlich dem Sohn oder der Tochter täglich beim Windeln wechseln zwischen die Beine, um das kleine oder grosse Geschäft feucht wegzuwischen. Sich dabei hin und wieder die Frage zu stellen, wie man das tun, halte ich für gerechtfertigt.

Die Hoheit über den eigenen Körper

Die Windelphase dauert bis zu vier Jahre, während derer sich Körper und Persönlichkeit des Kindes rasend schnell entwickeln. Es beginnt seinen Körper wahrzunehmen und zu entdecken. Buben spielen an ihrem Schnäbeli herum, Mädchen an ihrer Muschi. Darauf einzugehen und die Intimzone des Kindes vom Babyalter an zu respektieren: darum geht es. Genauso, wie es auch darum geht, Kinder dafür zu sensibilisieren, wo ihre Grenzen sind und dass sie die Hoheit über ihren Körper haben.

Wenn also Deanne Carson in einer persönlichen Stellungnahme auf Facebook nachschiebt, dass es «nie zu früh sei, Kindern beizubringen, dass ihre eigene Meinung zählt», weil dies vor sexuellem Missbrauch schütze – so hat sie nicht unrecht.

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