Wenn Tests Angst statt Hoffnung machen

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Weshalb bedeutet die Wahrscheinlichkeit von 99,894 Prozent ein gesundes Kind zu bekommen, keine gute Nachricht? Blutentnahme bei einer schwangeren Frau. Foto: iStock

Wie viel Risiko geht jeder Einzelne von uns im Leben ein? Wann wird aus einem potenziellen Risiko eine reale Gefahr; etwas, das uns ernsthaft ängstigt? Begriffe wie Sicherheit, Risiko oder Gefahr bedeuten für jeden etwas anderes, deshalb ist das Beantworten solcher Fragen schwierig.

Die Medizin ist ohne statistische Auswertungen und Angaben zu Risiken undenkbar. Allerdings bleibt auch das Interpretieren der Daten eine Krux, je nach Arzt oder Land bedeuten dieselben Werte etwas anderes.

Beim Ersttrimester-Test, einem freiwilligen Routinetest in der Schwangerschaft, ist dies besonders augenfällig. Damit ermitteln Ärzte zwischen der 11. und 14. Schwangerschaftswoche, ob ein Risiko für ein Kind mit Trisomie 21 (Downsyndrom), einer anderen Chromosomenabweichung oder einem offenen Rücken besteht. Unruhig werden Ärzte oft dann, wenn der Test ein Risiko von 1:1000 oder mehr anzeigt. Also wenn eine Wahrscheinlichkeit von mindestens 0,1 Prozent besteht, dass das Ungeborene Trisomie hat. Oder in anderen Worten: Wenn nur zu 99,9 Prozent davon ausgegangen werden kann, dass das Kind keine Trisomie hat.

Was ist ein «erhöhtes Risiko»?

In einem solchen Fall informiert die Frauenärztin die Eltern über ein «erhöhtes Risiko». Sie macht sie darauf aufmerksam, dass die Schwangere für eine genauere Abklärung zusätzlich den nicht invasiven Gentest NIPT machen kann. Die Kosten von etwa 800 Franken werden von der Grundversicherung bezahlt; Bedingung dafür ist ein Wert von 1:1000 oder darunter.

Solche Infos lassen keine werdenden Eltern kalt. Die Vorfreude auf das Kind erhält einen Knacks, das Grundvertrauen auch. Die Eltern sorgen sich, sind überfordert und fürchten sich vor weiteren Testergebnissen und möglichen Entscheiden. Eine Bekannte von mir weinte fast jede Nacht durch, bis sie nach vierzehn Tagen das beruhigende Resultat des darauffolgenden Gentests erhielt.

Ihr und wohl den meisten anderen Eltern gegenüber unerwähnt bleibt jedoch, dass bis vor drei Jahren dasselbe Testresultat noch für strahlende Gesichter gesorgt hatte. Sogar ein Risiko von 1:300, ein behindertes Kind zu bekommen, galt damals als im grünen Bereich. Erst bei einem noch höheren statistischen Risiko riet man einem Paar zu weiteren Tests.

Solche tieferen Werte gelten nach wie vor in etlichen Ländern, etwa in Grossbritannien (1:300), Schweden oder Frankreich (beide 1:200). In der Schweiz hingegen wurde 2015 entschieden, dass die Krankenkassen die neuen Gentests NIPT bereits ab einem Risiko von 1:1000 bezahlen müssen. Entsprechend gilt bereits dieser Wert als «erhöhtes Risiko». Heute macht gemäss der «SonntagsZeitung» jede dritte Schwangere einen solchen Gentest, wobei in einem Drittel der Fälle die Grundversicherung die Kosten übernimmt.

Prozentwerte sind aussagekräftiger

Das Bedürfnis werdender Eltern nach einem gesunden Kind ist gross, verständlicherweise. Die vorgeburtlichen Untersuchungen sind so zahlreich und genau wie noch nie. Für Schwangere können sie deshalb Sicherheit bedeuten – oder aber das pure Gegenteil: Wer nach dem Ersttrimester-Test etwa erfährt, dass «eine Wahrscheinlichkeit einer Behinderung von 1:937» besteht, kann einen gehörigen Schrecken erhalten. Auch, weil die schwangere Frau erfährt, dass die Kasse den darauffolgenden Gentest übernehmen würde.

Doch allein mit der schlichten Umrechnung in Prozent könnte man viele Frauen beruhigen, sagt Franziska Wirz von der Beratungsstelle Appella. Der Verhältniswert von 1:937 bedeutet nämlich auch: Es besteht eine Wahrscheinlichkeit von 99,894 Prozent, dass das Kind gesund ist.

Wem es wichtig ist, eine mehrheitlich entspannte Schwangerschaft zu erleben, der sollte sich deshalb früh genug über Vorsorgeuntersuchungen informieren und sich Gedanken dazu machen. Sicher ist sicher.

Seit Januar 2017 können schwangere Frauen entscheiden, ob sie alle Vorsorgeuntersuchungen von einer Hebamme anstelle einer Ärztin oder eines Arztes durchführen lassen wollen. Insgesamt vergütet die obligatorische Krankenkasse während einer normalen Schwangerschaft sieben Kontrolluntersuchungen. Dazu kommen zwei durch einen Arzt durchgeführte Ultraschalluntersuchungen. Unabhängige Informationen zu vorgeburtlichen Tests finden Sie zum Beispiel bei Insieme oder Appella (Merkblätter zu Pränataldiagnostik und Schwangerschaft).

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