Der subtile Wertekrieg unter Frauen

Kein Mangel an Meinungen: zwei Mütter unter sich. Foto: Istock

Im letzten Sommer habe ich nach 17 Jahren als Sekundarlehrerin gekündigt. Ich wollte den permanenten Spagat von Familie und Beruf für eine gewisse Zeit aufheben, auch wenn ich diesen Spagat immer selbst gewollt hatte.

Nun aber sehnte ich mich nach Entschleunigung im Alltag. Und wünschte mir Musse, um über eine berufliche Neuorientierung nachzudenken. Den Lohnausfall von 40 Prozent Anstellung lösten wir so: Mein Einkommen hatte Kita-und Tagesschulkosten für drei Kinder gedeckt, und übrig blieb jeweils ein netter Batzen. Die Kosten für die Fremdbetreuung senkten wir deshalb auf nahezu null. Die weitere notwendige Budgetkürzung erwies sich in der Umsetzung als schwierig, worauf ich ab und zu Stellvertretungen in der Schule annahm.

Ernüchternde Bilanz

Wir alle kennen Aussagen wie «Hut ab vor Eltern, die 100 Prozent Familie und Haushalt managen, sie vollbringen täglich eine Höchstleistung. Dagegen ist Arbeit die reinste Erholung.» Sieben Monate später in ebendieser Rolle frage ich mich: Wieso verblasst die Achtung gegenüber diesen Tätigkeiten im gleichen Moment, in dem die reale Begegnung mit einer Familienmanagerin stattfindet? Denn ich spüre zunehmend den Widerstand einiger Fragenden, wenn ich meine Situation skizziere: «Aha? Du weisst immer noch nicht, was du beruflich machen willst? Ist dir zu Hause denn nicht langweilig?»

Es stimmt mich nachdenklich, dass ich mich rechtfertige, wenn man mich nach meinem Alltag fragt, der alles andere ist als Gelangweilt-im-Pyjama-Seifenopern-Schauen. Warum erkläre ich in entschuldigendem Tonfall, dass ich zurzeit «nicht richtig» arbeite, und echauffiere mich gleichzeitig über mich selbst, weil ich dies als Familienfrau doch sehr wohl tue? Wieso scheint meine Familienzeit weniger Bewunderung zu erhalten als das heraufgeschraubte Arbeitspensum einer Kollegin und Mutter?

Anerkennung – in jeder Mutterrolle

Wir Frauen sollten uns nicht rechtfertigen müssen, für welche Rolle in der Gesellschaft wir uns entscheiden, schrieb Regina Hanslmayr hier vor kurzem. Sie erwähnt, dass in ihrem Quartier die unterschiedlichen Rollen – ob Hausfrau oder erwerbstätige Mutter – geprägt seien von gegenseitigem Respekt. Ich spüre zwar einen gewissen Respekt für meinen Entscheid, auf den Stufen des Eigenheims zu stehen anstatt auf der Karriereleiter. Ich nehme aber Untertöne wahr, die Belächeln in sich tragen. Es ist sicherlich die Aufgabe jedes Menschen, der selbst gewählten Rolle im Leben ihren Wert zu geben. Aber wie geht das, wenn ich gleichzeitig höre: «Meine Schwägerin arbeitet nur 50 Prozent, obschon beide Kinder bereits in der Schule sind»?

Ich vermute, dass die Anerkennung einer Frau und Mutter prozentual mit ihrem Arbeitspensum im Beruf steigt, sobald sie nicht mehr Kinder stillt. Dass es in den letzten sieben Monaten vor allem Mütter waren, die Wertungen durchblicken liessen, schmerzt. Wir fordern Gleichberechtigung gegenüber Männern und lächeln uns solidarisch zu. Erheben aber gleichzeitig unsere Stimmen im Alltag gegen Vertreterinnen unseres Geschlechts. Hinter vorgehaltener Hand wird nicht nur über das salonfähige Arbeitspensum einer Mutter diskutiert, sondern auch in richtige und falsche Erziehung eingeteilt. Zu Powerfrau oder Mauerblümchen deklariert. Definiert, was eine gute Mutter ist und was nicht. Oder hört man irgendwo Männer, die über eine zu kurze Stilldauer wettern?

In meinen Ausführungen blieben Menschen unerwähnt, die mich bestärkten, mir Zeit zu lassen für berufliche Entscheidungen. Und die meine intensive Familienarbeit würdigen. Die gibt es zum Glück auch. Doch wie erleben Sie das im Alltag? Haben Frauen gegenüber anderen Frauen klarere Vorstellungen darüber, wie die Rolle der Frau in der Gesellschaft auszusehen hat? Wovon ist der Respekt für unterschiedliche Frauenrollen abhängig?