Die neuen Dienstmädchen

Hinter jeder Frau, die Job und Familie vereinbart, stehen andere Frauen (Foto: Keystone)

Die Frauen im Hintergrund: Hinter jeder Frau, die Job und Familie vereinbart, stehen andere Frauen. (Foto: Keystone)

Statistisch gesehen, staubsaugt und putzt mein Mann zwei Stunden pro Woche. Vielleicht sind das genau diese zwei Stunden mehr, die sich Männer heute an der Hausarbeit beteiligen. Vor 20 Jahren waren es 13 Stunden pro Woche, heute sind es 15 Stunden. Umgekehrt sieht es bei uns Frauen aus: Wir verbringen «nur» noch 23 statt 27 Stunden mit Hausarbeit.

Wir Mütter machen heute nicht mehr alles selbst. Die Väter unterstützen uns. Aber lassen wir uns nicht täuschen: Sie beteiligen sich vor allem nach Feierabend und am Wochenende an der Hausarbeit und der Kinderbetreuung. Noch immer ist der Teilzeit arbeitende Vater die Ausnahme.

Staubige Wohnungen?

Wenn die Durchschnittsfrau vier Stunden weniger haushaltet, der Durchschnittsmann aber nur zwei Stunden mehr: Müssen wir dann davon ausgehen, dass die Wohnungen von Herr und Frau Schweizer heute deutlich schmutziger sind als in den 90er-Jahren? Frauen arbeiten öfter ausser Haus als früher. Männer arbeiten aber nicht massiv mehr Teilzeit. Das Bundesamt für Statistik dazu: «Seit 1992 ist der Anteil nicht erwerbstätiger Mütter deutlich gesunken. Der Anteil Teilzeit Erwerbstätiger ist gestiegen, wobei die höheren Teilzeitpensen stärker zugenommen haben als die kleineren. Väter sind heute etwas seltener Vollzeit erwerbstätig als 1992 und leicht häufiger Teilzeit erwerbstätig.» Wie geht das auf?

Ganz einfach: Hinter jeder Frau, die Job und Familie vereinbart, stehen andere Frauen. Und zwar Frauen, die wenig oder gar nichts verdienen. Zum Haushalt schaut die Putzfrau (für 30 Franken pro Stunde), zu den Kindern die Kita-Praktikantin (für 700 Franken pro Monat) oder das Grosi (gratis).

Schlecht bezahlte «Frauenarbeit»

Wir Mütter kommen zwar vorwärts im Berufsleben, aber nur auf Kosten von anderen Frauen. Jüngeren, älteren oder schlecht ausgebildeten Frauen mit mangelnden Deutschkenntnissen. Wenn wir Kind, Kochlöffel und Kärcher aus der Hand geben, übernimmt oft nicht der Mann, sondern einfach eine andere Frau.

Ich habe kein gutes Gefühl, wenn ich daran denke. Funktioniert unser Modell der Vereinbarkeit von Job und Familie nur für Frauen, die es sich leisten können? Dürfen wir Care-Arbeit einfach an andere, unterbezahlte Frauen – ich benutze extra dieses widerliche Wort – outsourcen? Kann ich damit leben, dass die Frauen, die unser Familienmodell ermöglichen, in prekären Verhältnissen arbeiten?

Zurück an den Herd?

Ich denke an die tamilische Mutter, die morgens unsere Wohnungen und abends Büros putzt, anstatt bei ihren Kindern zu sein. Die Mitarbeiterinnen (Männer sind die Ausnahme) in der Tagesschule, die während der Schulferien zwar keinen Dienst haben, aber auch keinen Lohn. An die jungen Frauen, die verantwortungsvoll unsere Babys in Kinderwagen herumschieben und dabei nur einen Bruchteil verdienen von dem, was die Leute bekommen, die auf der Bank unser Geld herumschieben.

Ich schlage nicht vor, dass wir diesen Missstand beseitigen, indem wir alle wieder Hausfrauen werden. Aber wir müssen, als Gesellschaft, die Sorgearbeit aufwerten. Die Frauen, die uns privilegierten Frauen den Rücken freihalten, gehören anständig bezahlt. Die Putzhilfe, das Au-pair, die Pflegerin unserer Eltern: Sie alle übernehmen Lasten, wie wir früher selbst gebuckelt haben. Sie arbeiten, sie schuften. Aber sie bekommen dafür nicht den Lohn, den sie verdienen.

Unbequem werden

Wir, Frauen und Männer, haben hier eine Verantwortung. Wenn wir nicht auf eine Putzfrau verzichten wollen, müssen wir sie anständig bezahlen und versichern. Wer eine Reinigungsfirma beauftragt hat: Wieso nicht mal nachfragen, wie viel die Frau, die Ihre Toilette putzt, pro Stunde effektiv erhält? Ob sie einer Pensionskasse angeschlossen ist? (Einige Arbeitgeber beschäftigen die Putzfrauen gerade so viele Stunden, dass sie für sie keine Arbeitgeberbeiträge an die Pensionskasse bezahlen müssen.) Ähnliche Fragen können wir in der Kita stellen.

Viele Frauen in der Care-Arbeit sind unsichtbar, kennen ihre Rechte nicht oder werden nicht gehört. Wir privilegierten Frauen sollten ihnen unsere Stimmen leihen. Im Alltag und bei politischen Wahlen und Abstimmungen. Wenn diese Art von Arbeit schon Frauenarbeit sein soll, dann sollen die Frauen damit wenigstens genug verdienen: Respekt, Wertschätzung – und vor allem Geld.

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