Mütter, was ihr leistet, ist enorm!

Ob Homeoffice oder Büro: Frauen waren noch nie so erschöpft wie heute – im Takt unseres Wirtschaftssystems. (Foto: iStock)

Seit je – wenn es um Frauen, Mütter und Arbeit geht – schlagen die Wellen hoch. Es ist noch gar nicht lange her, wären unsere Mütter als Rabenmütter verschrien worden, hätten sie uns als Kleinkinder in eine Krippe gesteckt, um arbeiten zu gehen. Heute müssen sich Mütter rechtfertigen, wenn sie wegen ihrer Kinder für eine gewisse Zeit nicht arbeiten können oder wollen oder ihre Kinder nicht schon als Säugling in fremde Obhut geben möchten.

Deshalb war es vermutlich bloss eine Provokation, wenn im Artikel «Mütter, wo ist euer Stolz?» steht, dass 20 Prozent der Frauen über kein eigenes Einkommen verfügen. Der Text suggeriert, dass jede fünfte Frau noch immer von einem Mann abhängig sei. Was für ein Skandal! Doch wenn man die Zahlen etwas wirken lässt, bedeutet dies im umgekehrten Fall eben auch, dass vier von fünf Frauen selbstständig ihr eigenes Geld verdienen. Tatsächlich ist seit den 90er-Jahren die Erwerbstätigkeit der 15- bis 64-jährigen Frauen stetig gestiegen und hat sich inzwischen bei rund 79 Prozent eingependelt. Zum Vergleich: Die Erwerbsquote der gleichaltrigen Männer liegt bei 88 Prozent, wie die Zahlen des Bundesamtes für Statistik (BFS) zeigen.

Hohe Arbeitsmarktbeteiligung trotz schlechter Bedingungen

Konkret heisst das: Noch nie waren so viele Frauen erwerbstätig wie heute. Im europäischen Vergleich weist die Schweiz nach Schweden die höchste Arbeitsmarktbeteiligung der Frauen auf – so das Fazit der Studie «Mütter auf dem Arbeitsmarkt», die das BFS verfasst hat. Selbst wenn die meisten Mütter einem Teilzeitpensum nachgehen, ist ihre Beteiligung am Arbeitsmarkt immer noch höher als im europäischen Durchschnitt. Und das in einem Land, das im Vergleich mit 29 anderen Ländern auf dem viertschlechtesten Platz steht (vor Südkorea, Japan und der Türkei), wenn es um die Bedingungen arbeitender Frauen geht!

Deshalb lasst euch sagen, liebe Mütter: Was ihr leistet, ist enorm!

Statt auf den doppelbelasteten Müttern rumzuhacken, wäre es klüger, den Fokus zu schärfen. Was in dieser unseligen Vereinbarkeits-Debatte oft vergessen geht: Die Schweiz ist eines der Länder mit der höchsten Präsenzzeit am Arbeitsplatz. Während in Frankreich die 35-Stunden-Woche gilt und in skandinavischen Ländern die Arbeitszeit deutlich unter der 40-Stunden-Woche liegt, arbeiten die meisten von uns 42 Stunden die Woche – inoffiziell vermutlich noch mehr. Und – das wissen alle arbeitenden Eltern – je kürzer der Arbeitstag ist, desto einfacher würde er sich mit einem Familienleben vereinbaren lassen. Es will mir nicht einleuchten, weshalb sich Mütter und Väter dem rigiden Diktat der Wirtschaft unterziehen sollen und «flexibel» einsatzfähig bleiben müssen, wo es doch ein Leichtes für ein Unternehmen wäre, seine Arbeitszeit zu senken. Zumal wir alle wissen, dass die tägliche Konzentrationsspanne nicht länger als vier oder fünf Stunden dauert. Warum diskutieren wir nicht vermehrt darüber?

Was macht mehr Sinn?

Auch will es mir nicht in den Kopf, dass sich Frauen zusehends den Lebensbedingungen der Männer anpassen sollen. Es macht bereits den Anschein, dass Frauen nur dann als «emanzipiert» oder «selbstbestimmt» gelten, wenn sie in einem hohen Pensum oder gar Vollzeit arbeiten.

Tatsächlich aber werden Frauen in der Arbeitswelt schlechter bezahlt, kaum befördert und häufiger mit sinnentleerten Tätigkeiten abgespeist, während die Arbeit zu Hause – Kinder beaufsichtigen, Haushalt – nicht einmal als «Arbeit» bezeichnet wird, weil es sich um unbezahlte Tätigkeiten handelt. Was aber ist verantwortungsvoller? Im Büro zu sitzen? Oder sich um Kinder zu kümmern? Was macht mehr Sinn?

Generelle Reduzierung der Arbeitszeit

Statt also von Frauen zu fordern, noch mehr zu arbeiten und ihre Arbeitspensen noch weiter zu erhöhen, müsste man eher dafür sorgen, dass auch Männer weniger arbeiten müssten. Mit einer generellen Reduzierung der Arbeitszeit könnten auch Väter in ihren Familien präsenter sein, dort «mehr Verantwortung» übernehmen, um Frauen zu entlasten, die – vom heutigen Hin- und Her zwischen Büro und Kita – erschöpfter sind als sämtliche Generationen zuvor.

Wohl würde es uns allen besser gehen, würden wir unser Wirtschaftssystem etwas kritischer betrachten. Die meisten Eltern – Mütter wie auch Väter ­– kümmern sich nebst ihrem Beruf zusätzlich um das Leben ihrer Kinder. Der Wirtschaft allerdings geht es bloss um Profitmaximierung. Davon aber haben die wenigsten etwas. Leider.

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