Hilfe, meine Mutter ist depressiv

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Und, wie geht es dem Kind? Psychische Erkrankungen der Eltern sind für Jugendliche eine grosse Belastung. Foto: iStock

«Ich bin Emily, und meine Mutter ist depressiv», sagt eine etwa 15-Jährige in die Kamera. Sie sitzt auf der Armlehne eines Sofas und erzählt, wie es war, als sich die Mutter veränderte: «Manchmal lag meine Mutter noch im Bett, als ich von der Schule heimkam.» Die Mutter sagte, sie habe «eine Depression». Emily sorgte sich, es ging ihrer Mutter zunehmend schlecht. «Ich fragte mich, ob ich am Zustand meiner Mutter schuld bin. In der Schule konnte ich mich kaum mehr konzentrieren.»

Das kurze Video macht betroffen. Es ist eines von mehreren, die auf der Website der Stiftung Institut Kinderseele Schweiz gezeigt werden. Sie sollen Kinder und Jugendliche wie Emily ansprechen, aber auch Mütter und Väter, die unter einer psychischen Krankheit leiden. Die Website des Instituts bietet gut aufbereitete Informationen, Angebote für anonyme E-Beratungen, Hilfe zur Selbsthilfe sowie Austausch mit anderen Betroffenen. All dies ist gratis (Tagesanzeiger.ch berichtete).

Niemand fühlt sich zuständig

So wie Emily geht es vielen Kindern in der Schweiz: Sie leben mit einem Elternteil zusammen, der an einer Depression, einer Angststörung oder einer anderen psychischen Krankheit leidet. Diese Situation ist für alle Familienmitglieder einschneidend. Doch während den psychisch kranken Erwachsenen meist geholfen wird – mit Therapien und Medikamenten –, wurden die Kinder bislang oft alleine gelassen. «Kaum eine Stelle fühlte sich für sie zuständig», sagt Christine Gäumann, Bereichsleiterin Psychiatrie für Jugendliche und junge Erwachsene der IPW (Integrierte Psychiatrie Winterthur) und Mitbegründerin des Instituts Kinderseele Schweiz.

Dies soll sich mit dem Angebot der Stiftung ändern. Kinderseele Schweiz will in ergänzender Zusammenarbeit mit anderen Institutionen und Organisationen dafür sorgen, dass Kinder nicht mehr durch das Netz der Aufmerksamkeit fallen. Wie das geschehen soll und wer bislang oft schlicht vergessen ging, erzählte mir Christine Gäumann während eines Gesprächs.

Christine Gäumann.

Was benötigen betroffene Kinder und Jugendliche vor allem?
Sie benötigen Aufklärung und Information. Gerade weil Kinder und Jugendliche Veränderungen des Elternteils immer zuerst auf sich selbst beziehen und sich fragen: Habe ich etwas gemacht, das Mama oder Papa traurig macht? Klärt man die Kinder nicht offen darüber auf, beginnen sie zu fantasieren. Hier gilt es, die Kinder zu entlasten. Die Krankheit und das Verhalten ihrer Mutter oder ihres Vaters hat überhaupt nichts mit ihnen zu tun.

Offenbar gelten viele betroffene Kinder als «unauffällig»; sie scheinen vordergründig keine grossen Probleme zu machen.
Genau. Sie befinden sich oft im «Anpassungsmodus», das heisst sie täuschen nach aussen hin Normalität vor. Die Familie soll nicht auffallen, denn sie spüren: Psychische Krankheiten sind stigmatisiert. Häufig kommt eine Belastung beim Kind deshalb erst dann zutage, wenn sich eine akute Krise bei einem Elternteil stabilisiert hat. Deshalb sollen behandelnde Ärzte und Therapeuten vermehrt hinschauen und nachfragen: «Und, wie geht es den Kindern?» Das gilt auch dann, wenn betroffene Kinder gar nicht auffallen.

In anderen Ländern gehört es längst zum Standard, dass neben den depressiven Eltern auch deren Angehörige therapiert oder zumindest betreut werden, richtig?
Ja, der Einbezug der Angehörigen, speziell der Kinder, findet meist nicht statt. Auch punkto Prävention ist die Schweiz ein Entwicklungsland. Deutschland etwa investiert einiges mehr in Forschung und in Programme für Kinder psychisch kranker Eltern als wir hier in der Schweiz.

Sie beschäftigen sich seit 20 Jahren mit dem Thema. Was hat sich in dieser Zeit getan?
Im Falle von kleineren Kindern ist die Sensibilität gewachsen. Sehr viele Fachleute wissen mittlerweile, dass ihnen geholfen werden muss. Jugendliche im Alter von 14, 15 Jahren aber gehen oft vergessen.

Weil Teenager tendenziell überschätzt werden?
Ja, das ist oft der Fall. Viele betroffene Eltern sind alleinerziehend. Psychische Belastungen führen häufig zu Trennungen. Leben die Kinder mit einer alleinerziehenden Mutter zusammen, die zum Beispiel wieder hospitalisiert werden muss, gehen Ärzte und Therapeuten einfach davon aus, dass ein 15-Jähriger schon mal drei, vier Wochen alleine daheim sein kann. Aber was das für einen Jungen oder ein Mädchen bedeutet, und wie sehr er oder sie in dieser Situation auf sich alleine zurückgeworfen ist, ist vielen nicht bewusst. Das ist für einen Teenager eine massive Überforderung.

Jugendliche werden in einer solch schwierigen Situation alleine gelassen.
Tendenziell stimmt das, ja. Auf solche Situationen treffe ich immer wieder. Sie erschüttern mich tief. Man ist sich viel zu wenig bewusst, wie stark ein Jugendlicher noch Unterstützung benötigt. Es geht um Rückendeckung, um Beziehung. Unser Angebot bietet deshalb nebst Information und fachlicher Unterstützung auch eine Peer-Beratung an: Speziell geschulte Betroffene unterstützen andere. Ende Februar starteten die ersten Beratungen für Erwachsene. Drei Frauen, die als Mütter selbst eine psychische Erkrankung durchgemacht haben, beraten betroffene Eltern. Im Verlaufe des Jahres wird dann auch eine Peer-Beratung von und für Jugendliche dazukommen.

Mehr Informationen zum Thema und zum Angebot erhalten Interessierte über Kinderseele Schweiz. Lesen Sie zu diesem Thema auch: «Wir Eltern sind mitschuldig» und «Wir ausgebrannten Mütter».