Was Eltern wollen

Mamablog

Es ist schön, sich wieder mal als Teil eines erwachsenen Liebespaars zu fühlen. Foto: iStock

Ich liege in einem frisch überzogenen Bett, neben mir eine verstrubbelte, wunderschöne Frau. Draussen scheint die Sonne, das Meer ist zu sehen. Ich könnte jetzt etwas total Abgefahrenes essen, was alle meine Kinder hassen – also was Gesundes. Oder einfach liegen bleiben, so lange ich will. Bisschen lesen, ein Nickerchen halten oder ein Gespräch mit meinem Lieblingsmenschen führen, bei dem ich nicht alle 10 Sekunden unterbrochen werde. Sogar Sex wäre drin.

Als Eltern von mehreren Kindern wagt man an so etwas ja kaum zu denken. Und wenn, dann nur halb stehend, mit einem Fuss unter der Klinke und nach monatelanger Planung. Aber hier ist alles möglich. Hier, das ist ein Hotelzimmer im kinderlosen Nichts, über eine Autostunde von zu Hause entfernt. Hier bin ich tatsächlich Teil eines erwachsenen Liebespaares. Keine Ahnung, wie das geschehen ist, dafür bin ich noch zu benommen. Irgendwas mit Oma und «Macht euch doch ruhig mal ein paar schöne Tage».

Auf jeden Fall ist es grossartig. Wichtige Sachen werden gesagt.

«Guten Tag, ich heisse übrigens Nils. Ich glaube, wir kannten uns mal näher.»

«Kann gar nicht sein, ich rede nicht mit Eltern. Und Sie riechen nach Kinderschweiss.»

«Das nehmen Sie sofort zurück!»

Hunderttausend Bedürfnisse befriedigen

Wenn man Zeit zum Rumblödeln hat, geht es der Beziehung gut. Wenn man Anspielungen auf die Dinge machen kann, die man gemeinsam und schon vor Jahren erlebt hat, Filme und Bücher zitiert, mit denen man etwas verbindet, dann läuft es. Und wenn man Zeit dafür hat, den anderen nicht nur zu küssen, sondern dabei auch noch sein Gesicht in den Händen zu halten, ist es gut.

Zu Hause ist es, was das angeht, leider eher selten gut. Zu Hause sind wir Koch und Köchin, Dienstleistergesellschaft, Trostfabrik und Nachhilfefakultät. Zu Hause bin ich der Kackfreund meines dreijährigen Sohnes. Ich weiss nicht genau, warum, aber wenn er auf Toilette muss, kommt er vorher bei mir vorbeigeschlendert und informiert mich im Detail darüber. Und zwar so lange, bis ich das goutiere.

«Papa, ich muss Kacka.»

«…»

«Papa, ich muss KACKA.»

«Ja super, mach doch.»

Später werde ich dann zum Ort des Geschehens gerufen. Bis ich erscheine. Womöglich, um die Aussicht zu geniessen und mir die Bescherung mal anzusehen. Jedenfalls immer ich. Und das ist nur eines von Hunderttausenden Bedürfnissen, die meine Lebenskomplizin und ich jeden Tag zu befriedigen haben. Wenn man mit vier Kindern unter einem Dach lebt, steht man permanent in einem Sturm aus Fremdbedürfnissen: Weck mich, trag mich, tröste mich, bekoche mich, nerv nicht, fahr mich, unterhalte mich, bade mich, beschenke mich … und vergiss nicht vorbeizukommen, wenn ich auf Toilette sitze. Ich muss dir was Wichtiges zeigen.

Einfach mal eine Atempause

Bevor ich Kinder hatte, habe ich mir theoretisch vorgestellt, ich würde wohl über einige naive Ansichten verfügen, die mir mein Nachwuchs dann beizeiten schon austreiben würde. Tatsächlich wäre die Bezeichnung «blauäugiger Trottel» noch schmeichelhaft. Jedes meiner Kinder hat mich vor Herausforderungen gestellt und mit Tatsachen konfrontiert, die ich niemals hätte kommen sehen. Und gemeinsam werkeln sie an einem Grad an Beanspruchung, den ich mir nicht vorstellen konnte.

Ich würde trotzdem nicht auf meine Kinder verzichten wollen. Aber ab und an eine Atempause, um rauszufinden, was man selbst für Bedürfnisse hat, wäre schon ganz nett. Atempausen wie diese hier.

«Worauf hast du Lust?», fragt mich die verstrubbelte, wunderschöne Frau, die sogar im Winter noch ein paar Sommersprossen für mich auf ihrer Nase übrig behält.

«Keine Ahnung, darüber habe ich schon länger nicht mehr nachgedacht. Und du?»

Achselzucken. Aber draussen scheint die Sonne, das Meer rauscht, und niemand will irgendetwas von uns. Was wir wollen, finden wir schon raus. Ein bisschen Zeit haben wir ja noch.

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