Die Vorwürfe meiner erwachsenen Kinder

Am Tag der Abrechnung: Was die erwachsenen Kinder ihrer Mutter wohl vorwerfen? Foto: iStock

Mache ich es richtig mit meinen Kindern? Werden sie einmal faire, anständige Menschen? Schaffen sie es durch die Pubertät, ohne abzustürzen oder in falsche Kreise zu gelangen? Ihre Erziehung ist die wohl grösste Herausforderung meines Lebens. Und das Ende davon weder in Sicht noch klar.

Auch wenn ich auf ein Happy End hoffe – ganz sicher bin ich mir nur in zwei Punkten. Erstens: Ich mache Fehler. Vermutlich täglich. Zweitens: Sie werden mir eines Tages Vorwürfe machen. Für irgendetwas. Das ist so etwas wie ein Naturgesetz. Oder kennen Sie einen Erwachsenen, der sagt, die Eltern hätten alles richtig gemacht?

Ich bin auf jeden Fall gewappnet und habe mich bereits auf das Jahr 2034 vorbereitet – dann, wenn mein Sohn 30 und meine Tochter 20 sind. Wie ein solches Gespräch aussehen könnte – in 11 Vorwürfen.

  1. «Eine Patchwork-Familie ist eine Zumutung, warum habt ihr das nur mit uns gemacht?!» Ja, unsere Patchwork-Konstellation brachte auch mich immer wieder an meine Grenzen. Aber wir liebten (und hassten) uns und wollten irgendwie zusammen sein. Vielleicht würde ich heute Dinge anders angehen. Weniger allen alles recht machen wollen. Mir mehr Zeit für jedes einzelne Kind nehmen. Aber hätte es das einfacher gemacht?
  2. «Du hast mich damals nicht gezwungen, Englisch-Wörtli zu büffeln, deshalb muss ich es jetzt nachholen.» Das habe ich schon getan – am Anfang. Und irgendwann kapituliert. Es waren halt andere Zeiten in den 2010er-Jahren. Hausaufgaben haben bei uns immer wieder zu Konflikten geführt, und ich dachte, lieber schlechtere Noten in Englisch als eine schlechte Beziehung zu meinem Kind.
  3. «Du warst einfach zu locker.» Wir wussten es damals noch nicht besser. Wir haben Bücher gelesen wie «Lass die Kinder los» oder «Aus Erziehung wird Beziehung». Vielleicht hätte ich wirklich strenger sein müssen. Vielleicht hättest du dann einfach noch mehr rebelliert, und wir hätten jetzt kein so gutes Verhältnis heute.
  4. «Manchmal warst du aber auch zu streng.» Ja, manchmal war ich wohl zu streng. Weil ich dich liebte und dachte, du brauchst Grenzen und klare Regeln. Ich las Interviews von Psychologen, die vom Tanz ums goldene Kind redeten und immer wieder betonten, wie wichtig es sei, auch mal streng zu sein. Klar, heute gibt es neue Statistiken, Forschungen und Ansätze, aber wer weiss, was eure Kinder einmal dazu sagen werden.
  5. «Du hättest mich einfach als Baby schreien lassen sollen, dann wäre ich jetzt frustresistenter.» Ja, vermutlich. Und vielleicht hättest du dafür Angst im Dunklen, Verlustängste oder sonst eine andere Störung. Man hatte einfach die Wahl zwischen Regen und Traufe.
  6. «Warum hast du mich im Haushalt nicht selbstständiger erzogen?!» Nach Hunderten Coachings in Zimmeraufräumen oder Kücheputzen war es manchmal einfach effizienter, es selber zu tun. Auch wenn ich wusste: Jetzt mache ich einen Fehler.
  7. «Ich durfte zu wenig Medien konsumieren.» Ich bleibe dabei: Weniger ist mehr. Dafür weisst du heute noch, was ein Buch ist, oder? Und die Digitalisierung hast du trotzdem gemeistert.
  8. «Du hast mir zu viel erleichtert, anstatt mich auf den Ernst des Lebens vorzubereiten.» Im nächsten Leben mache ich das anders. Da wird gedrillt, gedisst und so richtig auf das harte Leben vorbereitet. Obwohl: Ist das Leben wirklich so hart? Unser Leben damals um 2018 war eigentlich nicht so schlecht.
  9. «Du hast zu viel gearbeitet und warst zu sehr auf deine Arbeit konzentriert.» Ja, das stimmt. Und trotzdem war es wichtig für mich. Und eine glückliche Mutter ist bekanntlich die bessere Mutter, da bin ich mir ausnahmsweise sehr sicher.
  10. «Ihr hättet mir halt das Handy mehr verbieten sollen.» Noch mehr? Ich wusste, du wirst einmal vernünftig, mein Kind.
  11. «Warum habt ihr mich nicht mehr gefördert?» Weil ich dachte, es tut dir besser, einfach Kind sein zu dürfen. Wir waren überzeugt, dass freies Spielen die Kreativität fördert. Oder Langeweile eine gute Lebensschule ist. Wobei, wenn ich recht überlege: Der Druck war damals schon hoch.

Wer weiss, was im Jahre 2034 wirklich sein wird. Wer weiss, was mir meine Kinder wirklich vorwerfen würden. Vielleicht etwas völlig anderes. Das Wichtigste ist jedoch, dass sie wissen, wie sehr ich sie liebe und wie fest ich daran glaube, dass sie ihren ganz eigenen, für sie richtigen Weg gehen werden. Ich glaube, wenn ihr mich 2034 fragen werdet, was die beste Entscheidung meines Lebens war, ist die Antwort einfach: Meine Kinder auf die Welt zu bringen und mir nicht um jeden Fehler in der Erziehung einen Kopf zu machen.

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