Ach, das kinderlose Leben…

Lang ists her, das selbstbestimmte, abenteuerreiche Leben A. Foto: Pexels

«Mama, als du jung warst und wir am Sternliputzen, gab es da noch Dinosaurier?», fragt mein Sohn.

Ich glaube, für Kinder liegt das Vorleben ihrer Eltern in einem diffusen Nebel, ist jenseits ihrer Vorstellungskraft. Schwierig, ihnen zu erklären, was da vorher mal war, im Leben A, in der kinderlosen Zeit. Denn von dem Moment an, wo ein kleines schreiendes Etwas in unser Leben dringt, verschwindet dieses Leben A. Man wird in das pralle Leben B mit Kindern katapultiert – wunderschön und sinngebend, intensiv und herausfordernd.

Und doch gibt es die Prä-Kinder-Ära immer noch. In Form von Erinnerungen, die manchmal helfen, Tage im Hamsterrad zu erleiden und die «Wollte ich das alles und kann ich das alles wirklich?»-Momente mit Kraft und einem Lächeln anzupacken.

Ölüdeniz, Kirgistan, Adam’s Peak

Wir sind am Burgenbauen im Sandkasten des Freibads. Ich lasse den Sand zwischen meinen Zehen durchrinnen, als mein Dreijähriger eine volle Giesskanne mit kaltem Wasser über meinem Kopf auskippt.

Blick auf den Strand von Ölüdeniz. Foto: Wikipedia

Ich werde nass – und tauche in meinen Erinnerungen auf am Strand von Ölüdeniz, Türkei, 17 Jahre zurück: Frühstück am Campingtischchen. Weites Meer. Unser oranger VW-Bus direkt im Sand geparkt. Ausgeschlafen – bis neun Uhr, durch die Hitze der bereits prallen Sonne aufgewacht, nicht durch einen verlorenen Nuggi im Bettli. Parat für den Gleitschirmflug? Parat. Fast. Nochmals eine Tasse Kaffee und die Füsse beim Nippen an der Tasse im Sand vergraben…

Grosse Aufregung bei den Kindern: Die erste Nacht im neuen Zelt – vorerst im eigenen Garten. Der frisch gemähte Rasen duftet nach Abenteuer. Etwas zu viel Abenteuer: Mama muss mit aufs Mätteli im Zelt – man hat dann doch etwas Angst, dass sich wilde Tiere bei Nacht reinschmuggeln könnten. Nach fünf Minuten schlafen die Kinder, ich nicht. Der 6-Jährige presst sich an mich, die Grosse rammt mir zum dritten Mal in fünf Minuten ihren Ellbogen in den Magen. Das Schmatzen des Nuggis vom Kleinsten lullt mich nicht in den Tiefschlaf, erinnert mich aber im Halbschlaf plötzlich an den Flügelschlag des Adlers, der über dem Himmel von Kirgistan kreiste, damals, vor 19 Jahren:

Jurte in Kirgistan. Foto: Flickr

Wir sitzen vor einer Jurte, dem Zelt der Kirgisen. Bei Kerzenschein reden wir über den Ausritt mit den Pferden, lachen über meinen Sturz über das Hinterteil des Hengstes, als wir plötzlich den Adler sehen, der über uns kreist, so nah! Wir halten den Atem an. Schweigen. Staunen. Doch ich erinnere mich auch an meinen Po, der noch tagelang nach dem Sturz schmerzte. Aber warum tut mir plötzlich die Rippe weh? Ach so: Meine Tochter…

A für Assoziationen

«Gab es nun Dinos, als du klein warst?» fragt mein Mittlerer nochmals hoffnungsfroh. «Nein, Dinosaurier nicht», antworte ich, «aber einmal, in Sri Lanka, vor 12 Jahren, trat aus dem Dickicht vor uns plötzlich ein Elefant. Wir mussten sehr schnell unseren Jeep wenden, denn er rannte bereits wütend auf uns zu, und wir entdeckten neben ihm sein Junges. Eine gefährliche Situation, denn…» Der Kopf meines Jungen fällt schwer an meine Schulter. Eingeschlafen.

Pfad durch das Dickicht zum Adam’s Peak hinauf. Foto: Flickr

Ich bleibe noch einen Moment in Gedanken im Dschungel von Sri Lanka sitzen, am Fusse der Treppe zum Adam’s Peak, dem heiligen Berg. Und während sich die Steinstufen allmählich wieder in den Holzrahmen des Kinderbettes zurückverwandeln, gestehe ich mir ein, dass mich hie und da eine leise Wehmut befällt und ich mit sehnsüchtigem Lächeln an das Leben A zurückdenke, in welchem Selbstbestimmtheit regierte und die Freiheit unendlich schien. Und die Destinationen abenteuerlicher klangen als Lauchernalp und Tessin.

Aber natürlich ist es der unglaubliche Reichtum sowie das Glück von Leben B mit seinen kunterbunten Ereignissen wert, dass dieses Leben A nur noch in Form von Assoziationen zum «Jetzt» für gewisse Momente zurückkehrt.

Und der Sternenhimmel über dem Lago Maggiore, der ist auf der Terrasse und mit Kindern im Arm auch ganz schön. Vorläufig.