«Nicht jedes Kind verträgt eine vegane Ernährung»

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Noch vor zehn Jahren hätte man eine vegane Ernährung für ein Kleinkind als verrückt bezeichnet, sagt Michael Seefried. Foto: piskunov (iStock)

Herr Seefried, immer mehr Menschen in der Schweiz ernähren sich vegan. Macht sich das auch in Ihrer Praxis bemerkbar?

Ich betreue einige Familien, die ihre Kinder vegan ernähren. Es ist nachvollziehbar, dass vegane Eltern ihr Kind nach denselben Vorstellungen erziehen möchten. Das kann man ohne weiteres probieren, man muss nur ganz genau hinschauen und sein Kind gut beobachten. Wenn das Kind tierische Produkte einfordert, dann empfehle ich, dies auch zuzulassen. Kinder verfügen über gute Instinkte und merken, was ihr Körper braucht und was ihm fehlt.

Wie sehr leiden Kinder, die vegan aufwachsen, unter Mangelerscheinungen?

Es kann durchaus sein, dass vegan ernährte Kinder nicht gleich gedeihen wie andere. Zum Beispiel, dass das vegane Kind als Einjähriges kleiner oder leichter ist. Ich habe selbst bereits einigen Familien empfohlen, die vegane Ernährung zu Hause für ihren Nachwuchs zu lockern, weil man es dem Kind ansah. In der Regel machen sich Mangelerscheinungen im Zusammenhang mit veganer Ernährung bereits im zweiten Halbjahr sichtlich bemerkbar. Es ist schlaff oder hat spröde Haut.

Also raten Sie grundsätzlich davon ab?

Man muss offen sein. Vor zehn Jahren hätte man diese vegane Erziehungsform nicht toleriert, sie gar als verrückt bezeichnet. Heute gehört sie zum Zeitgeist. Sein Kind mit veganer Küche grosszuziehen, ist möglich, man muss als Eltern jedoch aufmerksamer sein. Wer mit dem Gedanken spielt, sein Kind nur vegan zu ernähren, soll das ruhig ausprobieren. Wenn sich Mangelerscheinungen bemerkbar machen, muss man im Sinne der Gesundheit des Kindes handeln.

Michael Seefried arbeitet als Kinderarzt im Paracelsus-Zentrum Sonnenberg in Zürich. Foto: PD

Läuft man so nicht Gefahr, dass das Kind Langzeitschäden von der periodischen Mangelernährung davonträgt?

Wenn man die Mängel in irgendeiner Form früh genug bemerkt und die Ernährung des Kindes seinen Bedürfnissen entsprechend umstellt, sind keine Langzeitschäden zu befürchten. In den ersten Lebensjahren sind regelmässige Vorsorgeuntersuchungen beim Kinderarzt empfohlen. Bei dieser Gelegenheit kann das Gedeihen des Kindes beurteilt werden.

Verschiedene Studien renommierter Universitäten kamen zum Schluss, dass eine vegane Ernährung gar gesünder sei als die herkömmliche.

Wie sich eine vegane Ernährung auf den Körper auswirkt, muss jeder selbst für sich herausfinden. Wir haben in Industrienationen aber tatsächlich das Problem, dass die Menschen viel zu viel Eiweiss zu sich nehmen: zu viel Fleisch, zu viel Fett. Deshalb bewerte ich das neue Bewusstsein für Ernährung grundsätzlich als positiv. Jeder Mensch kann und soll sich eine Sensibilität im Zusammenhang mit Nahrung aneignen und lernen, selbst zu spüren, wie ihm die eben eingenommene Mahlzeit bekommt.

Was raten Sie Eltern, die sich für den veganen Weg entscheiden?

Sowohl eine vegane als auch eine konventionelle Ernährung muss ausgewogen sein. Ein Kind muss so oder so zu allen essenziellen Nährstoffen kommen und genug Gemüse und Früchte essen. Um sein Kind vegan grosszuziehen, sollte man sich intensiv mit dem Thema Ernährung auseinandersetzen, um sicherzustellen, dass es dem Kind an nichts fehlt. Vor allem aber sollte man offen bleiben, den veganen Weg seines Nachwuchses eventuell wieder zu verlassen. Längst nicht jeder Mensch ist für eine vegane Ernährung geschaffen. Sich biologisch zu ernähren, ist für mich ein wichtigeres Kriterium, als zu entscheiden, ob mein Kind sich vegan oder vegetarisch ernährt. Die Wahl der Milchprodukte, ob Kuh-, Schaf- oder Ziegenmilch, ist dann nicht so sehr von Belang.

Lesen Sie dazu auch das Posting von Freitag: «Unser Kind wächst vegan auf».