Mobbing, bis die Polizei kommt

Einer der Jungs, der den Klassenkameraden fesselte. Foto: Joseph Khakshouri

Gestern berichtete die «SonntagsZeitung» unter dem Titel «Hexenjagd im Emmental» über ein paar Jungs, die in einem Lager einen Kollegen fesselten und deshalb von der Mutter des Opfers angezeigt wurden. Die Jugendanwältin verurteilte die sechs Buben wegen Tätlichkeit und Freiheitsberaubung. Fünf Strafbefehle sind rechtskräftig.

Verhältnisblödsinn! Wenn man das nicht mehr darf! So tönte es zwischen den Zeilen und aus der Kommentarspalte heraus. Auch Jugendpsychologe Allan Guggenbühl durfte zu Wort kommen und stellte eine «Amerikanisierung unserer Gesellschaft» fest. Heute sei es ein Trend, bei jeder Kleinigkeit eine Anzeige einzureichen – gerade bei Schulen.

Was war genau passiert? Die Jungs, damals 13-jährig, packten den Gleichaltrigen, fesselten ihm Arme und Beine und stülpten ihm einen Kissenbezug über den Kopf. Das Opfer versuchte sich zu befreien, fiel hin, weinte und wurde dann zehn Minuten über den Boden geschleift, während die Buben lachten.

Der eigentliche Punkt

Man kann nun darüber streiten, ob solche Streiche früher an der Tagesordnung waren oder nicht. Dass sie inakzeptabel sind, sollte jedem einleuchten, der ein bisschen Empathie mitbekommen hat. Der eigentliche Punkt ist freilich die Handhabung. Der Artikel und die dafür befragten Psychologen und Pädagogen legen nahe, dass es sich um ein Versagen der pädagogischen Welt handle, indem ein Problem an die staatliche Autorität delegiert werde. Die verurteilten Jugendlichen würden sich kaum «korrekt behandelt» fühlen. «Für sie muss es sich anfühlen wie eine Hexenjagd.» Weiter heisst es im Artikel: «Nach der Befragung durch die Polizei folgen weitere Einvernahmen bei der Jugendanwaltschaft. Nicht alle können damit umgehen. Ein Bub braucht Schlaftabletten, fiebert und erbricht sich vor den Terminen.»

Dass die Täter zu Opfern gemacht werden, ist absurd. Was mich noch mehr gestört hat, ist aber etwas anderes: Obwohl im Artikel angetönt wird, dass der gepeinigte Junge seit Jahren immer wieder Mobbing-Opfer war, wird die Anzeige seiner Mutter als unverständliche Überreaktion abgetan.

Gesprächsresistente Schüler

Meiner Meinung nach ist die Anzeige absolut gerechtfertigt. Jeder, der schon einmal Mobbing in der Schule erlebt oder beobachtet hat, weiss, dass Lehrpersonen oft überfordert oder überrascht sind, wenn man sie auf Mobbing in einer Klasse anspricht. Denn die Schikanen geschehen meistens subtil und ausserhalb des Unterrichts. Und selbst wenn Täter und Opfer identifiziert sind, heisst das noch lange nicht, dass Gespräche eine Besserung bringen – wie der besagte Fall zeigt. Es haben hier auch Interventionen und Elternabende stattgefunden. Doch es gibt Schüler, die sind gesprächsresistent, gerade wenn sie zu Hause keine Gesprächskultur haben.

Natürlich muss zuerst das Gespräch gesucht werden, aber irgendwann muss man sagen: Genug ist genug. Wäre der Junge, der nach jahrelangem Terror ein Kissenbezug übergestülpt bekam und womöglich ersticken hätte können, mein Kind gewesen – ich hätte genau dasselbe getan wie seine Mutter.