Wir parkieren unsere Kinder vor dem Tablet

Die Zeit ist reif: Es ist 2017, und das da sind Digital Natives. Foto: Jim Bauer (Flickr.com)

Diese Eltern, die im Restaurant ihre Kinder vor dem iPad parkieren: Diese Eltern sind wir. Und ich mag mich dafür weder schämen noch entschuldigen.

Doch das sollte man offenbar unbedingt tun, wenn sich Kinder vor Bildschirme setzen. «Ich bin eine Rabenmutter», schrieb vor kurzem eine Mutter auf Facebook. Ihr Kind sei krank, und sie habe ihm das iPad gegeben – allerdings mit einem «sooooo schlechten Gewissen». Andere fragen gleichenorts nach guten Apps und erhalten stattdessen Bünzlischweizer-Kommentare, die so fein und fies sind wie ein Papierschnitt: «Also meine Kinder interessiert das ja gar nicht, die wissen noch, wie man richtige Holzklötzli aufeinanderstapelt!»

Dumm, dick und aggressiv

Das iPad, dieses herrliche, spannende und teuflische Tool, das auch die kleinsten Kinder anzieht wie die Fliegen: Es fasziniert, animiert und – polarisiert.

Das Tablet hat, wie seine Cousins, die Spielkonsolen und Fernseher, keinen guten Ruf. Dick, dumm und aggressiv würden die elektronischen Geräte die Kinder machen, wettert zum Beispiel der von obigen Kommentarschreibern häufig zitierte Manfred Spitzer.

Der stützt seine Behauptungen beispielsweise auf eine Studie, bei der eine Gruppe junger Buben eine Playstation geschenkt kriegte und danach schlechtere Leistungen beim Lesen zeigte als die Kontrollgruppe ohne Spielkonsole. Die Gamer sind also nachweislich dümmer, folgert Spitzer. Dass die Jungen beim Spielen vielleicht dafür andere Fähigkeiten – wie zum Beispiel räumliches Denken – trainiert haben könnten, vergisst er aber bequemerweise.

«Kein Bildschirm unter 2!»

So lautet ein weiterer Ratschlag, der gerne geteilt wird. Seinen Ursprung hat er in einer Empfehlung der American Academy of Pediatrics von 1999, und er bezog sich damals natürlich ausschliesslich auf die passive Nutzung des Fernsehers. Nicht vergessen: Das iPhone feiert erst dieses Jahr seinen 10. Geburtstag, das iPad gibts seit 2010. Sowieso gibt es noch keine Langzeitstudien über die Auswirkungen von Tablets und Smartphones auf Kleinkinder, dafür sind die Geräte schlicht zu neu.

Der entscheidende Unterschied: Touchscreen-Geräte werden nicht passiv, sondern aktiv genutzt. Wenn ich meiner Tochter dabei zuschaue, wie sie Türme baut, Gegenstände nach Farben ordnet oder auch lernt, mit verschiedenen Bewegungen einen Zug zu lenken, dann stört es mich nicht, dass sie das «nur» virtuell tut. Zumal sie es in der realen Welt ja auch kann (ausser das Zugführen. Da üben wir noch).

Übrigens hat der Mann, dessen Zitat die Welt umrundet hat, seine Einschätzung im Hinblick auf das iPad im Jahr 2011 revidiert: «I believe that judicious use of interactive media is acceptable for children younger than the age of 2 years», erklärt der Kinderarzt Dimitri A. Christakis. Die Interaktivität, die das Spiel auf einem Touchscreen bietet, hat ihn dabei umgestimmt. Die Geräte erfüllen sechs von sieben Kriterien, mit denen der pädagogische Wert von Spielsachen bestimmt wird.

Digital Natives und ihre Zukunft

Also, in your face, ihr Holzklötzlimütter. Es ist 2017, und unsere Kinder sind Digital Natives, die in diese Welt hineingeboren werden. Sie werden nicht mehr unterscheiden zwischen virtueller und echter Realität, werden sich nahtlos von der einen in die andere Welt bewegen. Ihnen den Zugang dazu zu verweigern, insofern sie sich dafür interessieren, finde ich schlicht unfair.

Wenn wir davon ausgehen können, dass unsere Kinder in einer technologisierten Gesellschaft leben, in zwanzig Jahren womöglich Berufe ausüben, die es heute noch nicht gibt oder die nicht mehr so aussehen werden wie heute, bin ich froh, wenn sie in diese Technologie hineinwachsen. Wie scheinheilig wäre es von mir, laut Studie durchschnittlich 2000-mal pro Tag ein Handy in die Hand zu nehmen und es gleichzeitig meinen Kindern vorzuenthalten, weil es sie angeblich verdummt?

Zustände, die in den vorgängig zitierten nordamerikanischen Studien vorgefunden werden, bei denen Kleinkinder vier Stunden oder mehr täglich fernsehen oder ein Drittel der Dreijährigen einen eigenen Fernseher im Zimmer hat, haben mit unser aller Alltag wohl hoffentlich nichts zu tun.

Ich bin ehrlich davon überzeugt, dass die Kinder auch am Bildschirm lernen oder zumindest kurzfristig eine andere Gratifikation erhalten. Nebst dem Lerneffekt bietet der Bildschirm nämlich Entspannung, und wenn die Kinder nach einem anstrengenden Kindergartentag mal kurz in eine Fantasiewelt abdriften wollen, habe ich als Serien-Binge-Watcher erstens vollstes Verständnis. Und zweitens ermöglicht das verpönte Vor-dem-Fernseher-Parkieren auch mir eine verdiente Pause.

Relevant ist nicht, wie viel, sondern, was

Nun würde ich lügen, wenn ich behauptete, dass meine Kinder sich am Bildschirm ausschliesslich mit pädagogisch wertvollen Spielen beschäftigen (das tun sie aber manchmal, und meine Favoriten habe ich mal hier zusammengefasst). Auch bei uns nervt Peppa Wutz. Die Lego-Ninjas wirbeln über den Bildschirm. Und der Sohn kennt den Text zu «Let it go». Folgeschäden sind bis jetzt ausgeblieben (ausser, dass sich die Tochter nur noch mit dem Elsa-Badetuch abtrocknen lässt. Aber jänu).

Es kommt aber jetzt doch noch, das Aber. Auch wir lassen die Kinder nicht einfach gewähren und das iPad mit ins Bett nehmen (das sowieso nicht – das blaue Licht der Screens behindert das Einschlafen). Wir wollen wissen, was geschaut und gespielt wird, wollen mitreden können. Ich weiss beispielsweise, dass George Wutz Dinosaurier mag. Dass Lloyd der grüne Ninja ist. Und Kristof kein Rentier, sondern das Schätzeli von Anna. Was ohne Begleitung gar nicht mehr geht: Youtube. Nicht nur wegen der stupiden Videos, in denen Spielzeug aus Knete oder Schleim herausgepult wird (really), sondern spätestens, seit auch auf Kinderchannels plötzlich gefakte Videos im Trickfilmlook auftauchen, die auch Erwachsenen Albträume einjagen könnten.

Zurück ins Restaurant, wo meine Kinder vom iPad «gebabysittet» werden. Oft passiert das in den Ferien, denn zu Hause beschäftigen wir lieber einen lebenden Babysitter und gehen dann alleine aus. Sind die Kinder aber dabei und haben wie gewöhnlich nach sieben Minuten ihr Znacht beendet, wuseln sie weder zwischen den Beinen der Bedienung hindurch, noch nehmen sie die Restaurantdeko auseinander. Sie lassen uns (und die anderen Gäste!) in Ruhe essen.

Gern geschehen.

Dieser Text erschien erstmals auf Anyworkingmom.com