Eine fast autofreie Familie

Gewonnen: Mit Velo und Zug kommt man zwar langsamer, aber entspannter voran. (Foto: iStock)

Wenn das erste Baby unterwegs ist, kaufen sich viele werdende Eltern nicht nur einen Kinderwagen, sondern auch einen Skoda Oktavia. Oder eine andere Familienkutsche. Wir haben uns stattdessen einen Chariot Corsaire angeschafft – einen Veloanhänger. Seither sind wir als Familie autofrei unterwegs. Ganz bewusst. So schonen wir die Umwelt und nebenbei unser Budget.

«Waaas, ihr habt kein Auto?!», werden wir immer wieder gefragt. «Doch», antworten jeweils die Kinder. «Wir haben ganz viele Autos in der ganzen Schweiz. Und sie sind alle rot.» Tatsächlich haben wir kein eigenes Auto, sind aber treue Kunden beim führenden Carsharing-Anbieter der Schweiz. Ganz ohne Auto schaffen es also auch wir nicht. Aber fast!

In der Stadt braucht es kein Auto

Als Familie ohne Auto zu leben, ist durchaus machbar. Allerdings braucht es zwei Voraussetzungen: einen Wohnort mit guter ÖV-Anbindung und den Willen zum Verzicht. Wir wohnen am Stadtrand. Ein Bus hält direkt um die Ecke. Zwei weitere Linien fahren ein paar Hundert Meter weiter. Die Schule ist in der gleichen Strasse, und zur Tagesschule ist es auch nicht weit. Fussballverein und Reitstall sind per Velo erreichbar. Und jetzt das Beste: Wir haben per Zufall einen Carsharing-Parkplatz direkt vor dem Haus.

Früher war das anders. Da wohnten wir in einem anderen Quartier, der nächste Carsharing-Standort war einen Kilometer entfernt. Wenn ich alleine zu Hause war, setzte ich also die Kinder in den Veloanhänger, hievte ein Autositzli auf dessen Stossstange und das andere auf meinen Rücken. So lief ich dann zum Parkplatz, montierte erst die Sitze ins Auto und dann die Kinder in die Sitze und parkierte schliesslich den Veloanhänger, bevor ich den Zündschlüssel drehte. Und das Ganze wieder in umgekehrter Reihenfolge, wenn wir zurück waren. Was für eine Fuhre!

Strapazen, die sich lohnen

Zugegeben, manchmal war es richtig mühsam, kein eigenes Auto zu haben. Einkaufen konnte man oft nur, was in den Stauraum unter dem Kinderwagen oder in den Veloanhänger passte. Oder was der Online-Supermarkt lieferte. Auch Abendtermine mit Kindern sind gemütlicher, wenn man das Autobaby auf dem Heimweg einfach im Pyjama ins Maxicosi setzen kann, wo es zufrieden einschlummert. Und manchmal vermisste ich das Auto auch schmerzlich, wenn nachts um 2 Uhr ein Kind wegen Pseudokrupp ins Spital musste.

Trotzdem ist unter dem Strich der Verzicht auf ein Auto auch für Familien ein Gewinn. Wer kein Auto hat, bewegt sich in einem kleineren Radius ums eigene Zuhause – und entdeckt so, dass das Gute tatsächlich so nah liegt. Wer den Langsamverkehr nutzt, kommt zwar langsamer voran. Aber auch entspannter und bewegter. Unterwegs mit Velo und Zug sieht und erlebt man mehr als auf der Autobahn. Und eine Familienkutsche mag zwar komfortabler sein als der ÖV, aber auch asozialer. Im Zug kann man jassen und picknicken. Manchmal fährt ein Restaurant oder ein Spielplatz mit. Fremde Omas lesen Geschichten vor, und der Kondukteur erzählt augenzwinkernd, dass er früher mit der Billettzange auch Ohrlöcher knipste.

Und jetzt, wo die Kinder grösser sind, bemerke ich noch einen weiteren Vorteil, den das autofreie Familienleben mit sich bringt: Ich muss sie nicht herumchauffieren.