Let’s talk about Sexualkunde, Baby

Jugendliche wachsen heute in einer hypersexualisierten Zeit auf. Foto: Trinity Kubassek (Pexels)

Der Sexualkundeunterricht hat in letzter Zeit viel Kritik einstecken müssen. Nicht nur in der Schweiz, auch in Deutschland haben sich besorgte Eltern in grosser Zahl heftig dagegen verwahrt, dass man ihren Nachwuchs zu früh mit Details über Sexualität, Geschlechtsidentität, Begehren oder auch dem Umgang mit Pornografie konfrontiert. Wenn man es vorsichtig formuliert, lässt sich festhalten, dass dabei aus Sorge, die kindliche Vorstellungswelt zu überfordern und irreparabel zu beschädigen, die Idee einer möglichen Frühsexualisierung gegen eine umfassende Sexualaufklärung ins Feld geführt wird.

Weniger nett könnte man sagen, dass sich hinter diesem irrigen Kampfbegriff auch Menschen versammeln, die etwas «gegen die Verschwulung ihrer Kinder» unternehmen und sich nicht von «schrillen Minderheiten» bevormunden lassen wollen. Menschen also, die überzeugt davon sind, dass man ihre Kinder im schulischen Sexualkundeunterricht zu früh auf irgendwie falsche, ziemlich promiske und durchaus verwerfliche Gedanken bringen könnte und dieses Thema darum so spät wie möglich angehen sollte. Ich bin da aus persönlichen und beruflichen Gründen anderer Meinung.


Ich weiss nicht, wie es Ihnen geht, aber der Sexualkundeunterricht, den man mir in den 90er-Jahren als Schüler angedeihen liess, war einfach grauenhaft. Stundenlang klärte uns eine Lehrkraft mit weitschweifigen Details zu der Bedeutung von T-Helferzellen bei einer HIV-Erkrankung auf und vermied damit alles, was auch nur ansatzweise ins tatsächlich Zwischenmenschliche hätte gehen können.

Sexualisierte Särge

So notwendig die Präventionsarbeit hinsichtlich sexuell übertragbarer Krankheiten auch ist, so sehr versteckte mein damaliger Lehrer sein Unbehagen über die Situation hinter technischen Einzelheiten. Lust, Begehren, Verzweiflung, Ablehnung, Gruppendruck, Glücksgefühle, Scheitern, sexuelle Identität, Liebe – über genau die Dinge, die seine Schülerinnen und Schüler brennend interessierten, verlor er kein Wort. Die sollte uns stattdessen ein zum Schreien langweiliger Film erklären, den wir im Anschluss nicht einmal besprachen. Wir wurden in beredter Sprachlosigkeit scheinaufgeklärt – was mich zu den beruflichen Gründen bringt.

Wenn ich nicht gerade journalistisch tätig bin, engagiere ich mich für den Verein Pinkstinks gegen Sexismus – und versuche in diesem Zusammenhang auch immer wieder auf den Unterschied zwischen Sexualität und Sexualisierung hinzuweisen. Sexualisierung bedeutet, dass Themen mit Sexualität aufgeladen werden, die damit im Grunde nichts zu tun haben. Wenn Fussböden, Hundefutter, Särge, Düngemittel und Gebrauchtwagen (alles reale Beispiele) mit (semi)nackten, lasziven Körpern beworben werden, dann ist das Sexualisierung. Dann wird etwas sexuell gemacht, was an und für sich nicht sexuell ist.

Wenn hingegen ein Kind, das immer schon über eine eigene Sexualität verfügt, altersgemäss und konsequent aufgeklärt wird, hat das mit Sexualisierung nichts zu tun. Aber diese Aufklärung findet zu wenig statt. Wir haben aus Scham und Bequemlichkeit nicht nur längst aufgegeben und das Feld mehr oder weniger der Internetpornografie überlassen, sondern beargwöhnen auch noch die Expertinnen und Experten, die heutzutage einen sehr viel besseren Job bei unseren Kindern machen können als mein ehemaliger Lehrer bei mir. Gleichzeitig muss alles sexy sein. Nur Sex eben nicht mehr.

Aufklärung bleibt notwendig

Wir produzieren beständig Unmengen an lauwarmer Luft, weil uns die eigentliche Sache zu heiss geworden ist. Wir ergehen uns in endlosen Anzüglichkeiten, während uns, wenn es wirklich darauf ankommt, kaum Vokabular zur Verfügung steht. «Untenrum» wird schon reichen.

Tut es aber nicht, und deshalb ist und bleibt Sexualaufklärung eine Notwendigkeit. Die Antwort auf die gegenwärtig so omnipräsente Sexualisierung ist nicht etwa weniger, sondern mehr Beschäftigung mit menschlicher Sexualität. Dazu gehört, die Dinge beim Namen zu nennen. Und dazu gehört auch, Kindern Stück für Stück und Schritt für Schritt zu sagen, was Sache ist.


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