13 Wochen Ferien für alle!

Träumen erlaubt: Was, wenn sich die Arbeitszeit nach den Schulzeiten der Kinder richten würde? Foto: pexels.com

Arbeit ist in unserer Gesellschaft die heiligste aller Kühe. Durch sie allein definieren wir uns. Ohne auch nur einmal nachzudenken, ordnen wir ihr alles unter: unsere Bedürfnisse. Unser Leben. Als ob sie ein rohes Ei wäre, jonglieren wir unsere Kinder an ihr vorbei, vernachlässigen wegen ihr unsere Familien. Wir glauben, dass dies «normal» sei. Weil es – so wird es uns immer wieder gesagt – als fortschrittlich gilt. Als modern. Und ohnehin hat es etwas anders noch nie gegeben.

Vielleicht würde ich immer noch so denken, wäre mir nicht vor kurzem ein Buch in die Hände gefallen: «Frauen und Männer. Versorgungsunabhängigkeit für alle» wurde 1980 im Zytglogge-Verlag veröffentlicht. Die Autorin skizzierte darin eine Gesellschaft, die nicht allein auf die Erwerbsarbeit ausgerichtet ist.

13 Wochen Ferien für alle

Im Zentrum dieser Gesellschaft steht das Aufwachsen der Kinder – ihnen soll das schönste aller Leben ermöglicht werden. Das bedingt, dass die Erwerbsarbeit verkürzt werden müsste, und zwar auf allerhöchstens 20 Stunden die Woche. Ein Arbeitstag würde somit noch vier Stunden dauern – und zwar sowohl für Frauen wie für Männer, die sich so gleichberechtigt Erwerbs- wie auch Familienarbeit teilen könnten. Auch würde sich die Arbeitszeit nach den Schulzeiten der Kinder richten, wir kämen also alle in den Genuss von 13 Wochen Ferien.

Die Elternzeit (nach der Geburt eines Babys) würde sich auf ein Jahr belaufen und zwar für die Mutter wie anschliessend – im zweiten Jahr des Kindes – für den Vater. Beide wären dazu verpflichtet, sie einhalten. Von der Allgemeinheit würden Kinderzulagen ausbezahlt, die sämtliche Kosten des Nachwuchses decken würden, sodass sich Eltern nicht in Unkosten stürzen müssen, möchten sie ihren Kindern ein einigermassen anständiges Leben ermöglichen. In den Quartieren gäbe es Gratis-Kitas, die Kleinkinder je nach Bedarf stundenweise besuchen könnten. Wow!

Die Realität ist eine ganz andere

Gucke ich mich in unserer Welt um, ist nicht ein Ansatz dieser Gedanken in die Realität umgesetzt worden. Das Gegenteil ist der Fall: Jeder ist für sich selber verantwortlich, muss für sich selbst schauen. Familien mit kleinen Kindern strampeln sich zwischen Erwerbsarbeit und Haushalt ab, zahlen eine Unmenge an Kita-Beiträgen und Steuern. Einzig geschont werden die Unternehmen, die so wenig wie möglich Steuern zahlen sollen. Dafür muss dann der Sozialstaat ausgedünnt werden.

Deshalb sehen wir uns – in einem der reichsten Länder der Welt – plötzlich gezwungen, sowohl im Bildungs- wie auch im Gesundheitssektor zu sparen. Leider wird es noch schlimmer: Die Ständerätin Karin Keller-Sutter ist gerade dabei, das Arbeitsgesetz auszuhebeln; Arbeitszeiten sollen noch «flexibler» werden, die Arbeitszeiterfassung ganz abgeschafft. Künftig werden wir also noch länger arbeiten, ohne dafür belohnt zu werden.

Kann es das wirklich sein? Wer sagt endlich Stopp zu diesem Wahnsinn?

Gret Hallers Erbe

Die Autorin des oben erwähnten Buches heisst übrigens Gret Haller. Dieser Name dürfte vielen noch ein Begriff sein. Die Juristin schrieb dieses Buch vor ihrem 30. Geburtstag. Danach ging sie in die Politik. Als Nationalrätin war sie massgeblich für die 10. AHV-Revision verantwortlich: Sie ermöglichte es, dass Frauen, die sich um Haushalt und Kinder kümmern (und daher nicht erwerbstätig sein können) Erziehungsgutschriften auf ihre Renten gutgeschrieben werden. Und dass das Pensionskassengeld, das sich Männer ansparen können, bei einer Scheidung gesplittet wird, damit Frauen nicht mittellos dastehen.

Gret Haller beschrieb als junge Frau eine 20-Stunden-Woche. Foto: Edi Engeler (Keystone, 1999)

Im heutigen Parlament beobachte ich kaum eine Politikerin mit solchen Visionen. Der Wind pfeift stramm von rechts. Die aktuelle Rentenrevision 2020 setzt das Pensionsalter für Frauen von 64 auf 65 hinauf, obwohl Frauen nach wie vor weniger als Männer verdienen und immer noch hauptverantwortlich für Kinderbetreuung und Haushalt sind. Frauen und Männer arbeiten nicht nur immer länger, sondern auch so viel wie noch nie. Das Bundesamt für Statistik stellt in seiner jüngsten Auswertung ebenfalls eine Zunahme der zeitlichen Gesamtbelastung für alle Väter und Mütter fest.

Trotzdem. Arbeit ist unsere neue Religion, die nicht hinterfragt werden darf. Erwerbsarbeit, ganz egal wie sinnvoll sie denn auch tatsächlich ist, wird weiterhin unser Leben dominieren. Weit und breit keine Spuren von Visionen, wie sie vor 40 Jahren niedergeschrieben worden sind, die sich eine gerechtere Gesellschaftsordnung, ein würdevolles Leben für alle wünschen.

Ist doch schade. Um unsere schöne Welt!

Lesen Sie von Sibylle Stillhart auch das Posting: «So nicht, liebe Wirtschaft».