Wir Eltern sind also das Problem?

Oft sind es Missverständnisse: Kommunikation mit den Eltern sollte für Lehrer zum Grundrepertoire gehören. Foto: iStock

Oft sind es Missverständnisse: Kommunikation mit den Eltern sollte für Lehrer zum Grundrepertoire gehören. Foto: iStock

«Sie schimpfen.» «Sie mischen sich ein und wissen alles besser. Und sie sind frech!» Mit einem Ohr nehme ich auf, was neben mir in einer Dreiergruppe am Spielfeldrand diskutiert wird. Wir verfolgen ein Fussballspiel der C-Junioren – die einen aufmerksam, die anderen etwas weniger. Die Mannschaft, in der mein Sohn spielt, liegt hinten, doch die Jugendlichen kämpfen, das Spiel ist spannend.

«Sie werden immer schlimmer»

«Vor allem in den letzten Jahren ist es schlimm geworden», sagt die eine Frau weiter. «Sie lassen gegenüber Lehrern wirklich jeglichen Respekt vermissen.» Der Mann in der Runde bestätigt: An den öffentlichen Schulen sei ihr Verhalten bereits heftig – aber an den privaten noch viel heftiger. «Sie grillen die Lehrer geradezu.» Und sagt: An Elterngesprächen würden Mütter und Väter ja bereits ihre Laptops aufklappen und das Gespräch protokollieren und dokumentieren, jedes Wort müsse man auf die Goldwaage legen. «Sie werden echt immer schlimmer, die Eltern.»

Die Eltern? Ich schaue mich um, irritiert – und wende mich der Gruppe zu. Es entsteht ein kurzes Gespräch, indem die Pädagogen – selbst Eltern von Teenagern – bestätigen, was man oft hört und liest: wie sich Lehrer heute für Hausaufgaben, einzelne Noten und Unterrichtsstil rechtfertigen müssten. Wie Eltern aufschreien, wenn ihr Kind nicht fürs Gymnasium empfohlen wird. Wie Konflikte an Schulen mit Eltern in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen haben – und Streitereien oft so heftig seien, dass sich Anwälte darum kümmerten.

Eltern, die Aufsätze schreiben und Aufgaben lösen

Das alles klingt fürwahr schlimm. Und man beginnt sich augenblicklich zu fragen, ob die Eltern – oder vielmehr wir Eltern – tatsächlich das Augenmass verloren haben. Ob wir, was unsere Schulkinder angeht, übertreiben. Dabei erinnere ich mich an den einen Elternabend der zweiten Primarschule, an welchem eine Mutter fragte, wie die Lehrerin die Kinder fit für das Gymnasium machen werde. Ich erinnere mich an die vielen Gespräche unter Müttern, in denen sie (vor ihren Kindern) Lehrerinnen und Lehrer als top oder flop kategorisierten. Daran, wie gewisse Eltern versuchten, im Verborgenen einen Komplott gegen eine junge Lehrerin zu schmieden, statt den offiziellen Weg zu gehen. Ich kenne Eltern, die Aufsätze für ihre Kinder schreiben, Zeichnungen malen und Matheaufgaben lösen, damit ihre Kinder gute Noten erhalten.

Solche Eltern gibt es also durchaus. Sie gelten als mühsam, kritisch und renitent, und sie sind für Lehrer und Schulleiter sicherlich anstrengend.

Doch Tatsache ist auch: Längst nicht alle Eltern verhalten sich so. Die meisten Mütter und Väter, die mir bekannt sind, sind froh, wenn sie nicht allzu viel mit der Schule und der Lehrperson zu schaffen haben; denn das heisst in der Regel: Es läuft gut. Weshalb also die vielen negativen Stimmen gegenüber Eltern? Dieses Elternbashing, nonstop?

So soll es besser werden

Als Grund für das vermehrte Einmischen von Eltern nennt Jürg Brühlmann, Bildungsexperte des Lehrerverbands, die Wirtschaftskrise 2008 und die digitale Entwicklung. «Viele Eltern fürchten um die Zukunft ihrer Kinder», sagte er Ende April in einem Artikel der «Schweiz am Wochenende». Zudem seien die Eltern anspruchsvoller geworden, und sie hätten weniger Hemmungen, ihrem Unmut freien Lauf zu lassen.

Deshalb hat der Schweizer Lehrerverband nun ein neues Positionspapier für die Zusammenarbeit zwischen Schulen und Eltern erarbeitet. Zu den wichtigsten Punkten gehört die Gründung einer unabhängigen Ombudsstelle, damit Konflikte nicht eskalieren und vor Gericht enden. Eine weitere Forderung betrifft die Ausbildung der angehenden Lehrer: Elterngespräche sollen zum Pflichtfach werden – die Pädagogischen Hochschulen müssten künftig die Kommunikation mit Eltern als zentrales Element in die Ausbildung aufnehmen.

Wer macht hier seine Hausaufgaben nicht?

Diese Vorgehensweise mag richtig erscheinen und löblich sein, allerdings erstaunt sie auch: Das heisst also, dass Elterngespräche bislang während der Lehrerausbildung vernachlässigt wurden – die Lehrer ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben. Das verblüfft, weil Lehrer bei ihrer Arbeit täglich mit Minderjährigen zu tun haben und deren Mütter und Väter für sie die offiziellen Ansprechpersonen sind. Selbstverständlich sollte dabei die Kommunikation mit Eltern wichtig sein, alles andere ist nicht zeitgemäss.

Weiss sich ein Lehrer oder eine Lehrerin gegenüber Müttern und Vätern klar auszudrücken und zu positionieren, können auch Missstände benannt und Missverständnisse ausgeräumt werden. Und genau darum geht es doch bei Streitigkeiten zwischen Eltern und Lehrern meist.

Was finden Sie: Setzen Eltern Lehrer zu sehr unter Druck?