Hübsch verpackte Suizide

Nach dem Suizid von Hannah Baker (r.) kommt ein Mitschüler in den Besitz von Kassetten, die die Gründe für ihren tragischen Entschluss enthüllen: Darum gehts in «13 Reasons Why». Screenshot: Netflix

Es gibt Momente, da muss man sich als Elternteil schon sehr darum bemühen, dass einem die Kinnlade nicht bis zu den Knien fällt oder gleich das ganze Gesicht aus dem Kopf. Wenn einen die knapp zwölfjährige Tochter in bemüht beiläufigem Ton fragt, ob sie eigentlich «Tote Mädchen lügen nicht» (Originaltitel: «13 Reasons Why») auf Netflix gucken dürfe, ist das ein solcher Moment. Einfach, weil man mit der Frage überhaupt nicht gerechnet hat und sie auch am liebsten nicht beantworten will. Aber es hilft ja nichts.

Auch der alte Trick, ins Leere zu starren und sich möglichst nicht zu bewegen, bis das Kind entnervt und verwirrt weggeht, funktioniert leider gar nicht. «Schreibst du schon wieder Sachen in deinem Kopf auf, Papa? Hallo!?! Ich hab dich was gefragt!»

Schon in Buchform schwer auszuhalten

«Tote Mädchen lügen nicht» also. Na ganz toll. Eine auf einer Romanvorlage basierende Serie, bei der es um ein Mädchen geht, dass Suizid begangen und den Leuten, die es dafür verantwortlich macht, Aufzeichnungen über seine Motive hinterlassen hat. Das war schon vor zehn Jahren in Buchform schwer auszuhalten, aber dabei doch so genau beobachtet und klug formuliert, dass der Roman von Jay Asher aus dem Nichts ein internationaler Bestseller wurde.

Damals war die Kritik an dem Werk und seiner Umsetzung nicht annähernd so harsch wie heute. Das liegt an der Macht der Bilder. Und an dem sogenannten Werther-Effekt. Meine Tochter möchte nämlich eine Serie schauen, vor der die Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention warnt.

Die visuelle Umsetzung ist verstörend

Eine Serie, vor der einige Schulen in Kanada bereits die Eltern gewarnt haben und die sich Minderjährige in Neuseeland nur im Beisein eines Erziehungsberechtigten anschauen dürfen. Denn was dort gezeigt wird, ist bitterernst und geht tief unter die Haut: Isolation, Mobbing, sexualisierte Gewalt, Gleichgültigkeit, Verrat und Ängste. Die visuelle Umsetzung der Vorlage ist ausgesprochen detailreich und verstörend. Unter Heranwachsenden ist die Serie ein Hit.

Deshalb befürchten Fachleute auch eine Art Werther-Effekt 4.0 für die Generation Smartphone. Der Zusammenhang zwischen allzu realistischer, im schlimmsten Fall noch romantisierter medialer Darstellung von Suiziden und Nachahmungstaten wird seit vielen Jahren erforscht und gilt als gründlich belegt.

Das ist aber kaum der Grund, warum die Serie so einen Hype ausgelöst hat. «Die wird von Selena Gomez produziert», sagt meine Tochter und hat dabei keine Ahnung, was eine Produzentin ist. Egal: Irgendwas mit Selena Gomez eben. Darüber hinaus werden gerade die Themen angesprochen, von denen Jugendliche ganz unmittelbar betroffen sind und die die meisten von ihnen auf die eine oder andere Weise schon beschäftigt haben.

Suizid soll kein Tabuthema mehr sein

Deswegen verwahren sich die Verantwortlichen der Serie auch gegen die Kritik und verweisen darauf, für wie wichtig sie es halten, über das tabuisierte Thema Suizid zu reden, und Umstände, die dazu führen können, klar zu benennen. Eine der Darstellerinnen geht sogar so weit, zu fordern, dass «Tote Mädchen lügen nicht» an Schulen verpflichtend gezeigt werden sollte, weil sich die Jugendlichen anschliessend nicht mehr irgendwelchen Illusionen darüber hingeben könnten, wie mysteriös und geheimnisvoll die Tat sei und wie friedlich der eigentliche Akt.

Da ist was dran. In diesem Sinne müsste die Textzeile «An dem Tag als Kurt Cobain starb, lagst du in meinen Armen» aus dem Song «Schönste Zeit» von Bosse eigentlich «An dem Tag, an dem sich Kurt Cobain eine Überdosis Heroin spritzte, um sich dann mit einer Flinte in den Kopf zu schiessen, lagst du in meinen Armen» lauten. Klingt aber nicht mehr ganz so chic.

Froh, dass sie überhaupt fragt

Was mach ich also. «Ey, darf ich jetzt oder nicht?» Ich entscheide mich für unsere übliche Medienreihenfolge: Buch. Hörbuch, Film. In der Hoffnung, dass sie so nicht von einem Augenblick auf den nächsten in diese gewaltige und gewalttätige Bildsprache geworfen wird, sondern sich dieser in ihrem Tempo annähern kann. Und in der Überzeugung, dass es mir niemals gelingen würde, sie davon gänzlich fernzuhalten.

Wie gesagt: Generation Smartphone. Wenn es nicht ihres ist, dann das von anderen. So gesehen, bin ich schon froh, dass sie mich überhaupt gefragt hat. Also heisst es, Gesicht aufheben, Kinn hochklappen und bei Gelegenheit ein Buch kaufen. Über Suizid.