Früher war Elternsein entspannter

Dass in den 70-ern alles besser war, behauptet unser Autor nicht. Aber er glaubt, dass die Gesellschaft noch vor 15 Jahren gnädiger mit Jungeltern umging als heute. Foto: Matthew Ragan (Flickr.com)

In letzter Zeit frage ich mich immer häufiger, wie die frischgebackenen Eltern eines ersten Kindes das alles aushalten. Dieses Herumgezerre an ihnen, diese ständigen Aufforderungen, Anweisungen, Einschmeichelungen und Drohungen. Kauf dies, tu das, geh bloss nicht dorthin, sprich auf keinen Fall mit dem. Vielleicht war ich ja mit Mitte zwanzig desinteressierter an meinen Mitmenschen und noch eigenbrötlerischer als heute, aber ich bilde mir ein, dass das vor zehn Jahren alles noch nicht derart ausufernd war. Diese ewig widersprüchlichen, als Tipps getarnten Ermahnungen von Eltern. Jede Woche wird eine neue Erziehungssau durchs Dorf getrieben. Meistens super innovativ und ganz bestimmt praktisch und was nicht alles.

So überwinden Sie die Trotzphase ihres Kindes.
Es gibt keine Trotzphase des Kindes.
Seien Sie Leitwolf.
Seien Sie authentisch.
Erziehen Sie achtsam und aktiv zuhörend.
Seien Sie fürsorglich.
Seien Sie nicht überfürsorglich.
Aaaaahhhh!!!

PDAs nur dienstags

Das klingt alles furchtbar anstrengend. Also nicht nur nach «Kinder sind eben anstrengend», sondern obendrauf nach ermüdendem Durchexerzieren von Programm xy. Mir ist das alles dermassen zu viel, dass ich mich frage, wie frischgebackene Eltern heute diese Dauerstörgeräusche ihres Erziehungsalltags überhaupt aushalten. Sicher, Übergriffe, ungebetene Kommentare und Erziehungstipps gab es auch schon, als ich mich auf meine erste Tochter gefreut habe. Aber so massiv doch nicht, oder? Vielleicht bin ich mittlerweile auch einfach nur zu alt und zu dünnhäutig, um mich zu derartigen Programmen aufzuraffen. Oder stur genug, um mein Ding mit meinen vier Kindern nur «irgendwie» durchzuziehen.

Vermutlich beides. Jedenfalls dachte ich, ich käme mit meiner doch beträchtlichen Kinderschar jetzt in so ein Veteranenalter, in dem ich olle Kamellen von früher auspacken und der Jugend von heute mal erzählen kann, wie krass wir damals waren. Ein paar schöne «Wir hatten ja gar nichts»-Geschichten eben. Wir sind noch mit nem Bollerwagen zum Krankenhaus gefahren. PDAs wurden damals nur dienstags gelegt, an allen anderen Tagen gab es ein Stück Holz zum Draufbeissen und die Hand des werdenden Vaters zum Zerquetschen.

Chaotisch, aber liebenswürdig

Die Nabelschnur haben wir mit den Zähnen durchgebissen, und neben dem Windelnwechseln haben wir stundenlang Biopastinaken, Bonsaihokkaidokürbisse und andere Ungeheuerlichkeiten gekocht, während wir unentwegt an unseren Doktorarbeiten geschrieben, gegen Kiez-Gentrifizierung protestiert haben und sehr hart feiern waren. Oder so ähnlich.

Selbst wenn es so gewesen ist – bei ein paar Details bin ich mir in der Rückschau nicht mehr ganz so sicher –, heute ist schlimmer. Die Liste «Wie Eltern sich verhalten/nicht reagieren sollten» war nie so lang wie gerade jetzt und wird nicht nur stetig in Elternmagazinen und Ratgebern erweitert, sondern auch in ganz gewöhnlichen Tageszeitungen.

Auf der einen Seite freue ich mich, dass das Thema aus der Nische in die gesellschaftliche Mitte gerückt wird. Auf der anderen Seite war noch nie so viel Druck wie heute. Und dafür machen das die meisten frischgebackenen Eltern, die ich so kenne, ziemlich gut. Wenn also das nächste Mal der überfordert wirkende Elternteil eines einzelnen Kindes wissen will, «wie wir das alles hinkriegen», werde ich mit Blick auf meine chaotische, aber sehr liebenswürdige Rasselbande und unseren maximal bis zum nächsten Familieninfarkt konsequenten Erziehungsstil einfach entgegnen: «Das wollte ich dich auch gerade fragen.»