Papa packt die Panik

Kann ich wirklich loslassen? Es ist nicht einfach, als Vater den richtigen Ansatz zu finden. Foto: Rolands Lakis (Flickr)

Mein Sohn wird Ende Juli volljährig. Ein Grund zum Feiern, aber auch zum Innehalten: Mir kommt es vor, als hätte ich erst gestern noch Lego mit ihm gespielt. Und nun – fast wie über Nacht – ist er fast 1,80 gross geworden. Ja, mein Filius ist flügge geworden, ist für sich selber verantwortlich und muss sich von mir nichts mehr sagen lassen. Das heisst aber auch: Als Vater kann ich ihm nichts mehr vorschreiben. Meine Karriere als Erziehungsverantwortlicher endet am gleichen Tag, an dem für ihn das Abenteuer Erwachsenenleben beginnt.

Doch kann ich wirklich loslassen? Seit über zehn Jahren lebe ich getrennt von meinen Kindern und habe nur an den Wochenenden oder in den Ferien Zeit mit ihnen verbracht. Die Hauptlast an Erziehungsarbeit hat meine Ex-Frau geleistet, und das hat sie toll gemacht. Auch das muss mal gesagt werden. Ich bleibe als Schönwetter-Papi in Erinnerung: Beim Sonntagsausflug im Zoo und später auf einem Städtetrip in Paris geniesst man die Sonnenseiten des Familienlebens.

Nun aber packt mich die Panik: Mein Sohn ist im Gymi provisorisch befördert worden. Dieses Semester muss er also mit genügenden Noten abschliessen, sonst muss er die fünfte Klasse repetieren. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin nicht einer jener Väter, die ihre missratene Akademikerkarriere mit einem tollen Maturazeugnis des Sohnes kompensieren müssen. Als ehemaliges Arbeiterkind ist es für mich nicht tragisch, wenn mein Sohn die Matura nicht besteht. Das beeinträchtigt überhaupt nicht unser Vater-Sohn-Verhältnis.

Griff in die Trickkiste

Aber ich möchte ihn unterstützen. Leider hört er – wie so viele Jugendliche auch – nicht auf mich. Schliesslich ist er bald erwachsen. «Hör damit auf, meine Zukunft zu verplanen», schrieb er mir kürzlich eine SMS. Also mache ich das, was man in der Privatwirtschaft auch macht, wenn man orientierungslos ist: Outsourcing heisst das Zauberwort, mit dem man die Verantwortung auslagert. In meinem Fall ist es aber nicht die PWC, sondern ein Lerncoaching.

Mein Sohn findet, dass dies überhaupt nichts bringt. Er lässt sich weder überzeugen noch motivieren, was mich abermals zur privatwirtschaftlichen Trickkiste führt: Ein Bonus, das magische Wort mit dem Dollarzeichen als Schlussbuchstabe, ist unser Deal. Ich habe mit ihm abgemacht, dass er einen bestimmten Geldbetrag erhält, wenn er das Semester besteht und ein Lerncoaching macht.

So beratungsresistent wie der Vater

Man kann mir nun vorwerfen, dass ich Mäuse mit Speck fange, aber Mäuse sind eben keine Menschen. Mein Sohn zeigt sich im Lerncoaching nicht wirklich kooperativ. Er ist wohl ähnlich beratungsresitent wie ich. Für einen zweiten Termin beim Lernberater haben wir uns am Telefon angeschrien, und ich habe fast den Deal mit dem Bonus platzen lassen. Aber Deal ist Deal, und er hat schliesslich eingewillt, dass er die zweite Sitzung einhält.

Sie werfen mir nun sicher vor, dass mein Sohn und ich rein monetäre Gründe haben. Doch das ist falsch: Seit ich mit meinem Sohn über seine Gymikarriere rede, spreche ich wirklich mit ihm. Es ist wohl die intensivste und schwierigste Erziehungszeit, die ich zurzeit erlebe – aber auch die beste, an die ich mich immer erinnern werde. Hoffentlich werden mein Sohn und ich an der Maturafeier im kommenden Jahr darauf anstossen und darüber lachen können. Und ich kann ein letztes Mal innehalten: «Nun ist er wirklich flügge geworden. Wir haben es geschafft!»