To-Do-Listen für Papa?

Einzelkämpferin wider Willen: Viele Frauen fühlen sich vom Partner im Alltag im Stich gelassen. (iStock)

Wann gelten Frauen als gute Mütter? Nur dann, wenn sie diese Aufgabe intensiv ausüben. Ob berufstätig oder nicht – ihre Identität ist an das Tun als Mutter gebunden. Schickt der Vater die Tochter am Morgen ungekämmt zur Schule, dann gilt dies nicht als seine Unterlassung, sondern als die der Mutter. Frauen versuchen deshalb unentwegt, den gesellschaftlichen Ansprüchen zu genügen und übernehmen wie selbstverständlich die innerfamiliäre Hauptverantwortung. Hat der Partner Papa-Tag, hinterlassen sie ihm To-do-Listen, was er wann und wie erledigen soll – als ob er Juniorpartner oder Babysitter wäre.

Dieses Phänomen hat sich auch in unseren Studien gezeigt, in der Forschung «Maternal Gatekeeping» genannt. Etwa dreissig Prozent der Frauen praktizieren es regelmässig und etwa zwanzig Prozent zumindest ab und zu. Offenbar wünschen sich nicht alle Frauen den autonomen Einsatz des Partners. Zwar liegt ihnen viel an seiner Beteiligung, trotzdem nörgeln sie an ihm herum, wenn er sich nicht so mit dem Kind oder dem Haushalt beschäftigt, wie sie sich dies vorstellen. Wie kommt das?

Glucke oder Türsteher-Mutter?

Mit der Geburt des ersten Kindes wird der Mann oft zum Haupternährer, während die Frau die Berufsarbeit aufgibt oder zurückschraubt. Dadurch unterliegt das Familiensystem einer vorher nicht da gewesenen Asymmetrie. Frauen verstärken die mütterlichen Aufgaben, werden zu Einzelkämpferinnen und brauchen das Kind zur eigenen Stabilisierung. Fünfzig Prozent sind überzeugt, dass die enge Bindung zwischen ihnen und dem Kind naturgegeben und stärker als die Vater-Kind-Bindung ist. Deshalb verstehen sie sich in Fragen zu Kindererziehung, Betreuung und Haushalt als alleinige Sachverständige. Doch dieses mütterliche Gatekeeping kann zur Folge haben, dass Männer die Motivation verlieren, sich immer mehr zurückziehen oder eine angelernte Hilflosigkeit entwickeln.

Türsteher-Mütter sind nicht einfach übermässige Glucken, die sich besonders fürsorglich um die Kinder kümmern. Zwar behütet eine Glucke die Kinder im Übermass, lässt aber den Mann als ebenbürtigen Partner zu. Eine Türsteher-Mutter definiert sich jedoch vor allem in der Abgrenzung zu ihm. Sie bindet das Kind stark an sich und gibt dem Partner dadurch zu verstehen, dass er in Betreuung und Haushalt vieles falsch macht. Er ist keine gleichberechtigte väterliche Figur, die eigene Standards oder Regeln aufstellen darf, die sie dann auch gewillt ist zu übernehmen.

Den Blick auf das Wir legen

Doch auch Männer können zum Revierverhalten der Partnerin beitragen. Dies ist dann der Fall, wenn sie davon überzeugt sind, dass Frauen zwar die besten Erzieherinnen sind, ihre Berufstätigkeit aber nur vordergründig unterstützen und als selbstverständlich voraussetzen, dass sie die Hauptverantwortung für den familiären Part weiterhin übernimmt.

Wie kommt man aus einer solchen Teufelsspirale heraus? Die wichtigste Voraussetzung ist die Bereitschaft beider Partner, sich selbst infrage zu stellen. Man kann in einer Partnerschaft nichts ändern, wenn man nur den anderen ändern will. Männer müssen für ihr Engagement einstehen wollen, ohne die Partnerin lediglich als naturgegeben gute Mutter zu sehen und sich dahinter zu verstecken. Frauen müssen lernen, abzugeben und ihre Einflusszonen herunterzufahren. Wenn beide den Blick nicht nur auf das Ich, sondern auch auf das Wir legen, erfahren sie Entwicklung nicht mehr nur isoliert bei sich selbst. Aus eigener Erfahrung weiss ich, dass dies eine grosse, aber lösbare Aufgabe ist.

Literaturhinweise
Stamm, M. (2013). Bildungsort Familie. Die FRANZ-Studie. Dossier 13/1. Bern: Forschungsinstitut Swiss Education. www.margritstamm.ch
Stamm, M. (2016). Väter: Wer sie sind, was sie tun, wie sie wirken. Die TARZAN-Studie. Dossier 16/1. Bern: Forschungsinstitut Swiss Education. www.margritstamm.ch
Stamm, M. (2016). Lasst die Kinder los. Warum entspannte Erziehung lebenstüchtig macht. München: Piper.