Rabatt für brave Kinder? Selten so gelacht

In der Regel sitzen sie in unmittelbarer Nähe von Eltern, die Blut schwitzen: Kinder in einer Pizzeria. Foto: Dario (Flickr)

Sie haben bestimmt auch vom italienischen Wirt gelesen, der Eltern von wohlerzogenen Kindern einen Rabatt gibt. Die Sau wurde letzte Woche durchs Mediendorf getrieben. Als Kommunikationsberater sage ich: Gute PR-Arbeit. Doch der Vater in mir meint: Oh Gott nein, bitte nicht!

Es gibt keinen guten Grund, weshalb dieses Modell Schule machen sollte. Die überheblich sorglosen Eltern, die ihrem ungezogenen Nachwuchs alles durchgehen lassen, sind nämlich ein Mythos. Oder zumindest eine Randerscheinung. Klar sieht man ab und zu eine Mia-Kellyanne, die Fäkalwörter durchs Etablissement brüllt, oder einen Jason-Luzifer, der andere Gäste mit der Gabel piekst. In der Regel sitzt in unmittelbarer Nähe aber ein Elternpärchen, das Blut schwitzt und wie ein Verhandlungsführer bei einer Geiselnahme auf sein Kind einredet. Oder es macht bewusst nichts, um dem Kind keine Aufmerksamkeit zu schenken. Von aussen sieht das dann schnell unbekümmert aus, und die Alltags-Wutbürger haben ihr Feindbild gefunden.

Erziehung mit Bonus-Malus-System

Dabei müssen ehrliche Eltern meist nur kurz in ihrer Erinnerung kramen, um Demut zu fühlen: Ich zum Beispiel bin mit einem lieben Kind gesegnet, das Dutzende Restaurantbesuche souverän gemeistert hat. Aber auch mein Kind hatte eine Trotzphase. An den dazugehörigen Besuch in einer Pizzeria am 8. November 2016 erinnere ich mich noch gut: Der Brecht kreischte rum und zerriss sogar die Menükarte. Wir versuchten es mit der heiligen Dreifaltigkeit der Kindererziehung: Schimpfen, Verhandeln, Ignorieren. Sie ahnen es bereits: Ohne Erfolg.

Wissen Sie, was mir in dieser Situation gerade noch gefehlt hätte? Ein Wirt, der meine erzieherischen Fähigkeiten mit einem ausgeklügelten Bonus-Malus-System zu lenken versucht.

Rabatt, Steuerabzug, Tierbaby

Das Kind ist in so einem Moment Strafe genug. Da braucht es keine finanziellen Anreize. Wo soll das überhaupt hinführen: Ein Steuerabzug für Kinder, die sich die Hände waschen, oder eine kantonale Lenkungsabgabe auf Schimpfwörter? Kinder, die lieb danke sagen, dürfen neu bis zwölf Jahre kostenlos Postauto fahren, und Mädchen mit adrett geflochtenen Zöpfen kriegen im Zirkus ein Seehundbaby?

Wunschkind eines jeden Gastgebers: Braves Mädchen. Foto: AnneCN (Flickr)

Was man als Eltern und letztlich auch als lebhaftes, gelangweiltes oder trotziges Kind braucht, ist ein gelassenes Umfeld. Zum Beispiel in Form von verständnisvollem Servicepersonal, das mir den Stress nimmt und vielleicht sogar das Kind mit dem einen oder anderen Trick ablenkt. Das ist nichts, was ich in einem Restaurant von vornherein verlangen kann. Und trotzdem wird es mir fast überall geboten. Ich bin immer wieder beeindruckt von dieser Servicequalität, und sie ist mit ein Grund, weshalb wir trotz kleinem Kind regelmässig auswärts essen.

Ein tobendes Kind lässt sich nicht wegkaufen

Ich verstehe schon: Ein tobendes Kind im Restaurant ist ärgerlich. Kein Wirt, keine Bedienung und kein Gast findet das toll. Aber es lässt sich nicht einfach wegkaufen. Die Gesellschaft muss Kinder in guten wie in schlechten Zeiten ertragen können.

Was soll der Rabatt im Restaurant überhaupt bewirken? Dass Eltern plötzlich ihre Kinder im Griff haben, weil sie die Flasche Primitivo zwei Franken günstiger erhalten? Ich würde den Rabatt ablehnen, aus Solidarität mit Eltern, die an dem Tag weniger Glück hatten. Der Wirt soll froh sein, wenn jeder sein Kind nach dem Essen wieder mitnimmt.

Lesen Sie dazu auch das Posting «Iss doch, wie du willst!» von Markus Tschannen- sowie morgen Donnerstag das Posting von Nadia Meier zum Thema: Brauchen Kinder Knigge-Kurse?